- 16.02.2025
- Piacenza Calcio – Ravenna FC 0:0
- Serie D – Girone D (IV)
- Stadio Leonardo Garilli (Att: 2.081)
Am Sonntag stand ein Tagesausflug nach Piacenza (Plazenz) auf dem Programm. Dort sollte Piacenza Calcio den Ravenna FC im Rahmen der viertklassigen Serie D empfangen. Ich gebe unumwunden zu; dieses Spiel war ursprünglich nicht in meiner Planung. Eigentlich wollte ich heute zu Parma vs. Roma. Doch der freie Ticketverkauf begann erst vier Tage vorher und bot nur noch relativ teure Kategorien. Zusammen mit den Fahrtkosten hätte dieser Spielbesuch nun an die 100 € gekostet, wohingegen für einen Ausflug nach Piacenza nur ein Bruchteil der Summe anfiel.

Ferner war Piacenza auch ’ne Zugstunde näher und dort sollte bereits 14:30 Uhr angepfiffen werden, während der Ball in Parma erst um 18 Uhr rollen würde. Eine denkbar ungünstige Anstoßzeit für einen Lukullus wie mich. Da findest du vor’m Spiel kein geöffnetes Restaurant für ein vorgezogenes Abendessen, im Stadion gibt es auch nichts Gescheites und nach Abpfiff musst du direkt nach Milano (Mailand) zurück, wo du spätabends mit leerem Magen ankommst. Diese kulinarisch ungünstigen Umstände waren für mich eigentlich noch ausschlaggebender, als der monetäre Aspekt.

Also ging es heute nach dem Hotelfrühstück um 9:20 Uhr per Bahn (7,40 €) von Milano nach Piacenza. Die im Nordosten der Emilia-Romagna gelegene 105.000-Einwohner-Stadt erreichte ich um 10:15 Uhr und spazierte als erstes zum 1.312 m vom Bahnhof entfernten Palazzo Farnese. Dieser Renaissancepalast aus dem 16. Jahrhundert beheimatet heute die umfangreichen Sammlungen des Stadtmuseums, die ich mir gegen 10 € Gebühr gerne mal anschauen wollte.

Ich begann mit der archäologischen Sammlung im Untergeschoss der alten Zitadelle der Visconti (14. Jahrhundert), in der ich die Räume zur Ur- und Frühgeschichte relativ ignorant durchschritt. Die darauf folgenden Sammlungen aus der Antike bekamen hingegen große Aufmerksamkeit von mir. Da die Stadt 218 v. Chr. von den Römern unter dem Namen Placentia an der strategisch wichtigen Mündung der Trebbia in den Po gegründet wurde, gibt es sehr viele Fundstücke aus dieser Epoche zu bestaunen.

Das bedeutendste Exponat der hiesigen Antikensammlung ist allerdings nicht römischen, sondern etruskischen Ursprungs. Es handelt sich um die Fegato di Piacenza. Ein bronzenes Modell einer Schafsleber aus dem späten 2. oder frühen 1. Jahrhundert v. Chr., welches 1877 auf einem Acker unweit von Piacenza ausgegraben wurde. Sie diente etruskischen Priestern in der Antike als Lehrobjekt für die Hepatomantie (Leberschau). Denn bei den Etruskern hatte die Leber von Opfertieren eine besondere kultische Bedeutung. Sie galt als Mikrokosmos, in dem ein Priester den Götterwillen lesen konnte. Dieser Kult und die Inschriften auf der Lehrleber wurden mir im entsprechenden Ausstellungsraum ausführlich erklärt.

Nachdem ich genug von etruskischen Kultgegenständen und römischen Alltagsgegenständen gesehen hatte, widmete ich mich der jüngeren stadtgeschichtlichen Sammlung. Im Hochparterre des Palazzo Farnese erwarteten mich nun u. a. mittelalterliche Kirchenfresken und neuzeitliche Hieb- und Stichwaffen. Dabei wird auch auf die Stadtgeschichte ab dem Mittelalter eingegangen, als Piacenza genau wie das gestern besuchte Bergamo (Bergen) zur Lega Lombarda (Lombardenbund) gehörte und ebenfalls im Spätmittelalter unter direkten Einfluss des von den Visconti beherrschten Ducato di Milano (Herzogtum Mailand) kam.

1512 wurde Piacenza jedoch von vatikanischen Truppen besetzt und 1545 auf Geheiß des damaligen Papstes Paul III. mit Parma zum Ducato di Parma e Piacenza vereinigt. Als ersten Herzog setzte der das Zölibat offenbar nur als Empfehlung betrachtende Pontifex seinen Sohn Pier Luigi II. Farnese ein und der wiederum veranlasste umgehend den Ausbau der mittelalterlichen Zitadelle von Piacenza zum herrschaftlichen Palazzo Farnese. Allerdings fiel Pier Luigi II. bereits 1547 einer Verschwörung des piazentinischen Stadtadels zum Opfer. Drahtzieher dieses Komplotts war wahrscheinlich der in Milano vom Kaiser als Statthalter eingesetzte Adlige Ferrante Gonzaga, der nach dem Mord mit seinen Truppen in Piacenza und Parma einmarschierte. Es folgte ein Krieg um das junge Herzogtum, bei dem sich letztlich Pier Luigis Sohn Ottavio Farnese gegen Ferrante Gonzaga durchsetzen konnte.

Ottavio bestimmte nun Parma zu seiner Hauptresidenz, während seine Frau Margarethe, eine uneheliche Tochter des habsburgischen Kaisers Karl V., dauerhaft im Palazzo Farnese von Piacenza untergebracht wurde. Zwar ist dieser Umstand einer der vielen Belege einer äußerst distanzierten Beziehung von Margarethe und Ottavio, aber ein Sohn namens Alessandro ist der Ehe dennoch entsprungen. Jener Alessandro Farnese wurde bei der habsburgischen Verwandtschaft am Hofe von Madrid ausgebildet und sollte später eine große Karriere als Feldherr, Diplomat und Statthalter der Habsburger in den Niederlanden machen.

Die durchaus spannenden Biographien von Pier Luigi, Margarethe, Alessandro und Co konnte ich nebenbei in der hauseigenen Gemäldegalerie vertiefen. Unter dem Leitmotiv I Fasti farnesiani (die Pracht der Farnese) wurden im 17. und 18. Jahrhundert mehrere Gemäldezyklen von Künstlern wie Sebastiano Ricci, Giovanni Evangelista Draghi und Ilario Spolverini gemalt. Darüber hinaus gibt es im Palazzo Farnese für Kunstliebhaber noch eine separate Pinakothek mit gesammelten Werken. Dort verdienen vielleicht das Tondo La Madonna adorante il Bambino con San Giovannino (1480) von Sandro Botticelli und das Gemälde La Purificazione (1465) von Carlo Francesco Nuvolone eine gesonderte Erwähnung.

Nach den Galerien folgte meinerseits noch ein kurzer Streifzug durch die Kutschensammlung des Hauses. Immerhin 30 Karossen aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert gibt es hier zu sehen. Danach machte ich jedoch einen Cut und ließ die vier, fünf weiteren Sammlungen des Palazzo Farnese (z. B. die Keramiksammlung) doch lieber außen vor. Denn mittlerweile war es 12:30 Uhr und nach 120 Minuten im Museum knurrte so langsam der Magen.

Die zwei verbleibenden Stunden bis zum Anpfiff des heutigen Kicks wollte ich deshalb für einen Stadtspaziergang und ein Mittagessen nutzen. Ließ sich in der Altstadt von Piacenza bestimmt mühelos kombinieren, so dass ich zielsicher die zentrale Piazza dei Cavalli ansteuerte (siehe Titelbild). An dieser bereits in der Antike als Marktplatz genutzten Piazza stieß ich u. a. auf den Palazzo Gotico (das gotische Rathaus aus dem 13. Jahrhundert), die ebenfalls gotische Basilica San Francesco d’Assisi (14. Jahrhundert) und den neoklassizistischen Palazzo del Governatore (Gouverneurspalast aus dem späten 18. Jahrhundert). Seinen heutigen Namen hat der Platz jedoch den darauf befindlichen zwei Reiterstandbildern der Herzöge Alessandro Farnese und Ranuccio Farnese zu verdanken (beide 1620 gegossen).

Gegen 13 Uhr fand ich an der Piazza dei Cavalli mit dem Caffè Mazzini außerdem eine Einkehrmöglichkeit für’s ersehnte Mittagessen. Ich widmete mich dort gern gleich zwei der bekanntesten kulinarischen Spezialitäten der der Stadt. Als Primo ließ ich mir Anolini in brodo di cappone zubereiten und anschließend kamen als Secondo die Pisarei e fasò an den Tisch.

Bei den Anolini handelt es sich um kleine Teigtaschen mit Rindfleischfüllung (den Tortellini nicht unähnlich), die in Kapaunbrühe zubereitet werden. Pisarei sind wiederum Nockerl aus Mehl, Butter und Semmelnbröseln, die traditionell mit Bohnen und einem würzigen Sugo serviert werden. Waren zwar streng genommen beides Primi, aber zu Degustationszwecken ging das in der Kombination natürlich in Ordnung. Mundete übrigens beides hervorragend und kostete zusammen mit Brot, Wasser und Coperto faire 27,50 €.

Nach dem Essen schlenderte ich noch ein bisschen mehr durch das Centro Storico von Piacenza und passierte u. a. die Basilica di Sant’Antonino (11. Jahrhundert) und die aktuell zwecks Restaurationsarbeiten eingerüstete Cattedrale di Santa Maria Assunta e Santa Giustina (13. Jahrhundert). Letztere Kirche ist nebenbei die Kathedrale des bereits im 4. Jahrhundert gegründeten Bistums Piacenza (seit 1989 Bistum Piacenza-Bobbio) und entsprechend auch als der Dom von Piacenza bekannt.

Ich las mich beim Flanieren außerdem noch ein bisschen in die weitere Stadtgeschichte ein, in jener die Farnese noch bis 1731 über Piacenza und das entsprechende Herzogtum herrschten. Doch als in besagtem Jahr die männliche Linie dieses Geschlechts ausstarb, fiel das Ducato di Parma e Piacenza erbrechtlich an die Bourbonen. Unter ihrer Herrschaft verschob sich das Machtzentrum des Herzogtums endgültig von Piacenza nach Parma und bei meinem hoffentlich nur aufgeschobenen Besuch der berühmten Schinkenstadt werde ich dieses Thema bestimmt nochmal vertiefen können.

Heute endete mein Fokus auf Geschichte jedoch um 14:20 Uhr vor der 1969 als Stadio Comunale eröffneten Kampfbahn von Piacenza. Zutritt verschaffte mir ein 20 € teures Ticket für die Haupttribüne. Zwar nicht optimal für die Betrachtung der 227 Gästefans aus Ravenna. Aber in Piacenza sind, abgesehen vom Gästesektor in der Curva Sud, gegenwärtig nur Haupttribüne und Gegengerade geöffnet. Im Oberrang der Gegengerade stehen wiederum die Ultras von Piacenza Calcio. Ergo wär‘ ein Ticket auf jener Tribüne meines Erachtens die schlechtere Wahl gewesen.

Insgesamt hatten sich heute 2.081 Seelen im bis zu 21.668 Zuschauer fassenden Stadion verloren. In Anbetracht der Ligastufe (IV) und des gegenwärtigen Tabellenplatzes (13.) durchaus ein ordentlicher Zuschauerzuspruch. Doch die Stadiongröße erinnert gewissermaßen an einst bessere Zeiten, die ich zumindest aus der Ferne medial mitbekommen habe. Zwischen 1993 und 2003 spielte der 1919 als Piacenza FC gegründete Verein nämlich immerhin acht Spielzeiten in der Serie A und ist meiner Fangeneration daher mindestens von Sendungen wie Eurogoals, Ranissimo oder älteren FIFA-Videospielen bekannt.

Da ich ab Ende der 1990er Jahre außerdem ein großes Interesse an der italienischen Fankultur entwickelt habe, war mir die hiesige Fanszene ebenfalls schon über ein Vierteljahrhundert ein Begriff. Wie vielerorts in Italien, entwickelte sich hier bereits in den 1970er Jahren eine organisierte Kurve. Als erste Ultragruppe gilt dabei das 1974 gegründete Commando Ultrà. Weitere Gruppen wie die Boys und die Ultras folgten kurz darauf und ab 1983 gab es mit den Ragazzi della Nord eine erste Dachgruppe für alle ultraorientierten Fans in der Curva Nord.

Mitte der 1980er Jahre traten schließlich neue Gruppen wie Legione Gotica und Sparuta Presenza in der Nord auf und sollten diese Kurve auch noch während der Erfolgsära im folgenden Jahrzehnt prägen. Ab 1993 wurde außerdem das Stadion modernisiert und auf seine heutige Kapazität erweitert, ehe es 1997 schließlich in Stadio Leonardo Garilli umbenannt wurde. Zu Ehren des im Vorjahr verstorbenen langjährigen Mäzen und Präsidenten, der 1983 die Zügel in Piacenza übernommen hatte und dem Club noch bis zu seinem Tod vorstand.

Allerdings kam Piacenza Calcio in der Serie A nie über das untere Tabellenmittelfeld hinaus und die dauerhafte Etablierung in der nationalen Fußballelite missglückte. Nachdem auf die ersten zwei Abstiege aus der Serie A (1994 & 2000) jeweils der direkte Wiederaufstieg gefolgt war, sollte die Saison 2002/03 die bis dato letzte im Oberhaus bleiben. Man hielt sich nach dem dritten Abstieg wenigstens noch bis 2011 in der Serie B. Doch als es in jenem Jahr schließlich runter in die Serie C ging, war der Club auch finanziell am Ende. Es folgte nach der Insolvenz ein Neuanfang in der Eccellenza (6. Liga) und nachdem man sich ab 2016 zumindest wieder in der Serie C zu etablieren schien, ging es 2023 doch nochmal eine Etage tiefer.

Letztes Jahr verpasste man den Wiederaufstieg als Vizemeister noch knapp, während es diese Saison überhaupt nicht mehr läuft. Vorläufiger und kurioser Tiefpunkt der jüngeren Vereinsgeschichte war nun wahrscheinlich der 19. November 2024. Am Morgen dieses Tages hatte die Vereinsführung den bisherigen Cheftrainer Carmine Parlato von seinen Aufgaben entbunden. Der Nachfolger Simone Bentivoglio wurde umgehend präsentiert und leitete gleich nachmittags sein erstes Training. Doch weil Bentivoglio 2011 als Spieler in einen Wettskandal verwickelt war, mobilisierten auch die Fans in Windeseile für Bentivoglios erste Trainingseinheit. Sie störten das Training und machten unmissverständlich klar, dass sie unter Bentivoglio kein Spiel mehr besuchen werden. Bentivoglio durfte also gleich wieder packen und in den Abendstunden bekam der Club mit Stefano Rossini seinen dritten Trainer an diesem Tag.

Den mittlerweile unter dem Dachbegriff Curva Nord Piacenza 1919 firmierenden Ultragruppen war Rossini offenbar genehmer und obendrein handelte es sich um ein alten Bekannten. Schließlich war Rossini in dieser Saison bereits Cheftrainer von Piacenza Calcio gewesen. Er wurde jedoch nach einem enttäuschenden Saisonstart am 7. Oktober entlassen und damals von Carmine Parlato beerbt. Das machte diese seinerzeit sogar von der internationalen Sportpresse aufgegriffene Trainerposse noch ein wenig wilder.

Sportlich läuft es auch bei Rossinis zweiter Chance nur durchwachsen, während mit dem Ravenna FC heute ein Aufstiegsaspirant im Stadio Leonardo Garilli gastierte (aktuell Zweiter). Gerecht wurden sie dieser Rolle allerdings nicht und weil Piacenza heute lediglich defensiv über sich hinauswuchs, war ein 0:0 das beinahe logische Ergebnis dieser Begegnung. Daher schön, dass immerhin die Fangruppen für gute Unterhaltung sorgten. Beide Mannschaften bekamen über die komplette Spieldauer lautstarke Unterstützung und zwischendurch beleidigten sich die Fanlager immer wieder leidenschaftlich. Demgemäß war das Duell der Biancorossi mit den Giallorossi ausschließlich auf dem Rasen eine Nullnummer.

Nach Abpfiff sollte der nächste Nahverkehrszug nach Milano erst 17:50 Uhr fahren. Ergo hatte ich nochmal Zeit für einen zweiten Stadtspaziergang und dann durfte ich zu besagter Abfahrtszeit in eine sehr volle Bahn steigen. Somit gab es diesmal für 7,40 € nur einen Stehplatz. Aber gut, das war an einem Sonntagabend zu befürchten gewesen. Das musste die müde Beinmuskulatur jetzt eben knapp 60 min durchstehen.

In Milano kam ich nun allerdings ziemlich bettreif an. Mehr als den Kilometer zum Hotel wollte ich definitiv nicht mehr leisten. Nur ein kleines Hungergefühl hinderte mich dort noch am sofortigen Start der Nachtruhe. In der Lobby fragte ich den Hotelier deshalb nach einer guten Pizza in der Nachbarschaft. Er empfahl mir die nahe Pizzastube Il Pavone. Da saß bei meiner Ankunft zwar niemand, aber immerhin der Außer-Haus-Verkauf florierte.

Zurecht. Denn mir wurde wenig später eine sehr leckere Valtellina mit Bresaola, Rucola und Grana Padano zum unschlagbaren Preis von 8 € serviert. Übrigens die teuerste Pizza auf der Karte. Zusammen mit dem günstigsten Getränk (Aqua naturale) schuldete ich dem Pizzaiolo am Ende bescheidene 9 €. Da bedankte ich mich vor’m Schlafengehen gern nochmal beim Hotelier.

Am nächsten Morgen stand nach dem Frühstück schließlich die Heimreise an. Für 6 € ging es um 9:43 Uhr zunächst per Regionalzug nach Chiasso (Pias) und von dort um 11:24 Uhr via Basel und Göttingen mit Fernverkehrszügen gen Hildesheim (36,30 €). Diesmal klappte im Gegensatz zur Hinfahrt alles reibungslos, so dass ich um 21 Uhr im heimischen Bett lag. Dort träumte ich schon wieder von der nächsten Italien-Tour. Aber warten wir erstmal die kommenden Terminierungen der Serie A ab…