- 04.10.2024
- BV Borussia Dortmund II – SG Dynamo Dresden 2:1
- 3. Liga (III)
- Stadion Rote Erde (Att: 6.810)
Ich gehe langsam aber sicher auf die 50 zu und manchmal frage ich mich schon, ob ich die letzten Jahrzehnte im Leben wirklich alles richtig gemacht habe. Denn eigentlich ist die Liste der besuchten Fußballspiele und -spielstätten viel kürzer, als sie sein könnte. Welche Ausreden kann ich dafür vorbringen, dass ich nicht mal die Stadien der höchsten drei deutschen Spielklassen komplett habe? Wahrscheinlich liebe ich den Fußball gar nicht so sehr, wie ich immer tue.

Um eine drohende Midlife Crisis zu verhindern, glich ich also meine Lücken in der Stadionlandschaft mit den Spielplänen ab und fand eine gute Gelegenheit endlich mal in Dortmunds Roter Erde aufzukreuzen. Dynamo Dresden sollte am Abend des 4. Oktober bei der Zweitvertretung des Ballspielvereins Borussia 09 antreten. Ein schwarz-gelber Ost-West-Gipfel einen Tag nach dem Tag der Deutschen Einheit. Was kann es schöneres geben? Erst recht, wenn nicht ins Westfalenstadion ausgewichen wird, sondern die altehrwürdige Rote Erde grünes Licht für dieses „Risikospiel“ bekommt und es bei Borussia I und II keine Terminüberschneidung gibt.

Kurz nach Feierabend bestieg ich deshalb am frühen Freitagnachmittag (14:09 Uhr) einen Regionalzug nach Minden und von dort ging es ohne weiteren Umstieg weiter nach Dortmund. Der Boden der Bierstadt wurde kurz nach 17 Uhr betreten. So blieben mir noch gute zwei Stunden bis zum Anpfiff und ich beschloss zu Fuß vom Hauptbahnhof zur Roten Erde zu spazieren. Zwar hat Dortmund bekanntermaßen nur das Westfalenstadion als Sehenswürdigkeit von Weltrang, aber etwas Bewegung tut einfach immer gut.

Außerdem eröffnete mir die 3,3 km lange Route die Möglichkeit eines kleinen Abendmahls im Kreuzviertel. Ich hielt also auf dem Weg die Augen auf und auf halber Strecke machte mich ein riesiges BVB-Wandbild auf einen direkt darunter beheimateten Imbiss namens Gourmet Stäbchen aufmerksam (siehe Titelbild). Dort gönnte ich mir für 9,90 € sozusagen die Spezialitätenplatte des Hauses. Eine Bratcurry und ein Schaschlikspieß wurden mir mit reichlich Sauce auf einen Pappteller gepackt, um anschließend unter einer Portion frisch frittierter Pommes frites begraben zu werden. Man hätte es sicher schöner anrichten können, aber hier stand ein Einzelkämpfer hinter der Imbisstheke und der Andrang war um 17:30 Uhr groß. Da möchte ich jetzt nicht das Gourmetstäbchen über jenem bemühten Schnellgastronomen brechen.

Die heute von knapp 7.000 Zuschauern besuchte Rote Erde erreichte ich gegen 18:15 Uhr und muss mich an dieser Stelle nochmal bei zwei Podcastern und Jungunternehmern aus der BVB-Fanszene für die Freikarte bedanken. Meine Gefälligkeitsberichterstattung sei euch gewiss. Ferner rätselte ich mich sogleich durch das Dortmund-Quiz in deren frisch veröffentlichter App*. Dabei bekam ich Unterstützung von meinen Freunden Jan, Max und Kaja, die bereits heute ihre Anreise zum sonntäglichen Gastspiel des Hamburger SV bei Fortuna Düsseldorf gestartet hatten. Doch auch mit vereinten Kräften schafften wir nur fünf der zehn Fragen richtig zu beantworten.

Anschließend staunten wir bei der ersten Runde Bier des Abends über die Fantrennung in der 1926 für ursprünglich bis zu 25.000 Zuschauern eröffneten Kampfbahn Rote Erde. Bauzäune und Flatterband halten im Zweifelsfall wohl niemanden ernsthaft auf. Komisch, dass DFB hier für Drittligaspiele keinen hermetisch abgeriegelten Gästekäfig fordert. Oder anders gesagt: Schön, dass man knapp 100 Jahre nach der Eröffnung noch in einem baulich nur unwesentlich veränderten Stadion Profifußball sehen kann.

An dieser Stelle möchte ich nebenbei erwähnen, dass die Rote Erde sogar mal größer war und zwischenzeitlich bis zu 37.000 Zuschauer fassen konnte. Doch als 1974 nebenan das Westfalenstadion als neue Heimat des BVB eröffnet wurde, baute man eine bis dato genutzte hölzerne Zusatztribüne wieder ab. Ganz dem Nachhaltigkeitsgedanken entsprechend, wurde diese nicht zum Wertstoffhof gebracht, sondern nach Hannover verkauft. Das Dach bekam der SV Arminia Hannover für seine neue Haupttribüne am Bischofsholer Damm und den Rest der Tribüne erwarb der OSV Hannover für sein Oststadtstadion. Leider musste die Tribüne beim OSV letztes Jahr wegen Einsturzgefahr abgerissen werden, so dass BVB-Nostalgiker nur noch eine verpflichtende Anlaufstelle in Hannover haben.

Mit Hannover konnte ich in der Roten Erde aber auch beim Blick auf den Rasen relaten. Dort waren gleich mehrere alte Bekannte im BVB-Dress zu erspähen. Denn Ex-96-Trainer Jan Zimmermann hatte heute die Ex-96-Spieler Yannik Lührs und Antonio Foti gegen den gegenwärtigen Tabellenführer aufgeboten. Dabei gehörte Lührs zu denen, die in der Defensive die Angriffsreihe der SGD aus dem Spiel nehmen sollten, während Foti die besonderen Momente in der Offensive zugedacht waren. Beide sollten ihre Aufgaben erfüllen, so viel sei vorweggenommen.

Denn nach zuletzt bereits durchwachsenen Auftritten gegen Aachen und Rostock (dieses Medium berichtete), tat sich Dynamo am heutigen Abend erneut schwer. Zwar überließ die BVB-Zweitvertretung dem Favoriten weitgehend den Ball, aber es fehlte den Sachsen irgendwie an Ideen. So war es dann auch ein Borusse, der die erste große Torchance an diesem Abend verbuchte. Zum Glück für die rund 1.500 mitgereisten Dynamofans traf Julian Hettwer in der 25. Minute allerdings nur das Aluminium.
Und wenn du das Spiel gewinnst, ganz oben stehst,
dann steh’n wir hier und sing’ Borussia. Borussia BVB!
Und wenn du das Spiel verlierst, ganz unten stehst,dann steh’n wir hier und sing’ Borussia. Borussia BVB!
Und was auch immer geschieht, wir steh’n dir bei,bis in den Tod und sing’ für dich. Für dich Borussia. Borussia BVB!
Auf den Rängen nebenbei ein ähnliches Bild. Zwar mangelte es im Gästeblock gewiss nicht an Aktivität, aber bei uns in der Kurve kamen sie nicht so laut wie der auf der Haupttribüne platzierte BVB-Fanblock an. Das fehlende Dach auf der Gegengerade kann man natürlich zur Relativierung in den Ring werfen. Aber Dach hin oder her, die Dortmunder Szene hatte heute in meinen Augen einen guten Auftritt. Insbesondere „Und wenn du das Spiel gewinnst, ganz oben stehst…“ (a. k. a. „Supergirl“) und „Borussia Dortmund, schwarz und gelb ist mein Verein…“ (a. k. a. „Männer sind Schweine“) wurden sehr laut und ausdauernd vorgetragen.
Borussia Dortmund, schwarz und gelb ist mein Verein.
Abstiegskampf oder Pokale, will keinen Tag mehr ohne dich sein.
Borussia Dortmund, ich sing für dich damit du siegst.
Weil’s für mich und meine Freunde auf der Welt nichts Schöneres gibt.
Nach der torlosen 1. Halbzeit läuteten die Heimfans den zweiten Durchgang obendrein mit einer kleinen Pyroshow ein. Es blinkte und qualmte ein wenig in ihrem Sektor, während dem Talenteschuppen zeitgleich ein Blitzstart gelang. Fotis Abschluss des ersten Angriffs nach Wiederanpfiff konnte Dynamos Tormann Schreiber zwar noch mit der Faust abwehren. Allerdings sprang der Ball nun Mittelstürmer Paulina vor die Füße, der seine freie Schussbahn zu nutzen wusste und die Führung für den BVB besorgte (46.).

Nachdem die jungen Borussen das Tor ausgiebig vor dem leuchtenden Fanblock gefeiert hatten, war aus Sicht der sächsischen Schlachtenbummler natürlich eine Antwort des Tabellenführers wünschenswert. Die Gastmannschaft wirkte anschließend auch tatsächlich irgendwie noch bemühter, aber spätestens im Strafraum klärte die BVB-Defensive weiterhin alles. Erst bei einem Freistoß in der 66. Minute gelang Daferner per Kopf der auf den Traversen der Gegengerade viel umjubelte Ausgleich.

Fans und Mannschaft aus Dresden wollten jetzt natürlich noch mehr. Doch ein genialer Moment von Antonio Foti entschied elf Minuten nach dem Ausgleich das Spiel. Irgendwo zwischen Mittellinie und Strafraumgrenze zog der zypriotische Edeltechniker nach innen, erahnte eine perfekte Flugbahn und schweißte den Ball einfach mal aus der Distanz in den Torwinkel. Da hätten selbst wir vier neutralen Besucher beinahe unsere dritte Rutsche Bier in die Luft geworfen, so schön war dieses Tor.

Der achtfache DDR-Meister rannte in der Schlussphase zwar nochmal an, aber die drei Punkte sollten tatsächlich im Westen der Republik bleiben. So haben die Verfolger (u. a. Aue und Cottbus) morgen und übermorgen die Gelegenheit die Dresdner vorerst an der Spitze abzulösen. Der Hausherr, der als Fünfzehnter in die Partie gegangen war, darf dagegen weiterhin nicht wirklich nach oben schauen. Aber mit dem heutigen Sieg laufen die Zimmermann-Schützlinge immerhin nicht mehr Gefahr auf einem Abstiegsplatz in die Länderspielpause gehen zu müssen.

Da mein InterCity nach Hannover erst gute 1,5 Stunden nach Abpfiff in Dortmund abfahren sollte, ließ ich mich von Jan, Max und Kaja gerne noch in die Dortmunder Innenstadt zu 60 Seconds to Napoli mitschleppen. Dort hatte das Trio schnell die jeweilige Lieblingspizza gefunden und bestellt, nur ich bekam ungeahnte Probleme. Die von mir erwählte Nonnas Bolognese mit laut Speisekarte 24 Stunden lang geschmorter Rinderbolognese, Parmigiano Reggiano und Rosmarin war leider aus. Bei meinem Zweitwunsch The Beast (Tomatensauce, Bresaola vom Black Angus, Parmigiano Reggiano, Kirschtomaten und Fior di Latte) wieder ein Kopfschütteln der Kellnerin. Okay, dritter Versuch mit der Don Diablo (Tomatensauce, Chorizo de Bellota, Fior di Latte, Chili-Honig und geräuchertes Paprikapulver). Deren Zutaten waren anscheinend noch allesamt vorhanden und sie kostete mit 16 € sogar zwei Euro weniger als die anderen beiden. Geschmacklich war sie eigentlich auch ganz okay, aber mich störte die Süße des Honigs. Den hatte ich in der plötzlichen Drucksituation auch einfach überlesen.

Außerdem gab es beim hippen und hochpreisigen Pizzabäcker für jeden noch was zu trinken und kurz nach 22 Uhr ging es dementsprechend ohne Hunger und Durst gemeinsam zum Hauptbahnhof. Jan, Max und Kaja fuhren dort per RE weiter nach Düsseldorf, während mein gebuchter InterCity (11,24 €) leider nicht planmäßig um 22:27 Uhr, sondern erst 30 Minuten später seine Fahrt nach Hannover startete. Aber immerhin hatte jeder der acht Mitreisenden seinen eigenen Waggon und meine angepeilte S-Bahn in Hannover um 1:00 Uhr bekam ich selbst mit Delay noch ohne Stress. Gegen 2 Uhr gingen zuhause schließlich die Äuglein zu und wenige Stunden später saß ich bereits im nächsten Zug. Doch dazu an anderer Stelle mehr…
*In der im September 2024 gelaunchten DWIDSapp gibt es u. a. einen Newsfeed, eine Umkreissuchfunktion für Fußballspiele und diverse Spiele und Spielereien. So kann man in der übrigens kostenlos nutzbaren App bei Spielbesuchen im In- und Ausland so genannte DWIDSmarken freischalten. Ortsgebunden taucht bei diesem Feature ein Quiz mit 10 bunten Fragen zu Verein, Fanszene usw. auf. Wirklich nett gemacht. Also, bereichert ruhig alle mal euer Smartphone.