Eilenburg 09/2024

  • 22.09.2024
  • FC Eilenburg – FC Carl Zeiss Jena 1:1
  • Regionalliga Nordost (IV)
  • Ilburg-Stadion (Att: 1.026)

Nach einer angenehmen Hotelnacht in der Dresdner Südvorstadt, musste am Sonntagmorgen natürlich zeitnah die erste Mahlzeit des Tages her. Die Option für 12,90 € im B&B Hotel Dresden City-Süd (**) zu frühstücken wurde allerdings mangels Warmtheke verworfen. Brot und Brötchen schön und gut, aber ich hatte Bock auf Rührei. Also beschloss ich etwas früher per Bus ins Zentrum zu fahren und dort irgend ein Café aufzusuchen. Am Ende bekam Bäckerei & Café Dreißig am Postplatz den Zuschlag. Dort gab es für mich das ersehnte Rührei mit Schinkenwürfeln, sowie eine belegte Butterlaugenecke. Kostete zusammen 10,20 € und war okay. Mit mehr Zeit und mehr Rechercheaufwand, wäre sicher noch was Besseres möglich gewesen. Aber weil der Ball auch heute rollen sollte, wollte ich bereits um 9:06 Uhr im Regionalexpress gen Leipzig sitzen.

Mein kleines Sonntagsfrühstück

Dabei musste ich unterwegs noch entscheiden, welches Spiel es werden soll. Zur Auswahl stand ein Revisit im Bruno-Plache-Stadion (Lok Leipzig vs. Babelsberg) oder mit dem Ilburg-Stadion ein neuer Ground im Leipziger Umland (Eilenburg vs. Jena). Erstere Partie klang etwas reizvoller, aber ich war bekanntlich erst im Mai in Leipzig-Probstheida zu Gast (siehe Leipzig 05/2024). Daher wollte ich letztlich doch lieber die Komplettierung der Stadionlandschaft der Regionalliga Nordost vorantreiben. Wenn dieses Eilenburg also eh gerade auf dem Weg liegt und dort obendrein ein namhafter Gegner mit ordentlicher Fanschar gastiert, ist das schließlich eine gute Gelegenheit.

Der Eilenburger Mühlengraben (ein Nebenarm der Mulde)

Nach einem Umstieg in Leipzig, erreichte ich besagtes Eilenburg um 11:30 Uhr und somit exakt 90 Minuten vor Anpfiff. Da dieses 16.000-Einwohner-Städtchen an der Mulde sich rühmt die Wiege Sachsens zu sein und der historische Stadtkern auf dem Weg zum Stadion lag, schaute ich mich gern etwas um. Wie der Stadtname bereits erahnen ließ, ist der Ursprung dieser Ansiedlung eine alte Burg. Jene einst auf einer Anhöhe thronende Ilburg wurde 961 erstmals urkundlich erwähnt. Sie dürfte wenige Jahrzehnte zuvor an der Stelle einer noch älteren slawischen Ringburg errichtet worden sein. Der deutsch-römische Kaiser Otto I. (HRR) belehnte die Wettiner mit der Ilburg und rund um die Anlage entwickelte sich eine mittelalterliche Stadt.

Das Torhaus und ein erhaltenes Schlosstor auf dem Eilenburger Schlossberg

Dem Wettiner Heinrich I. zu Ilburg wurde 1089 die Markgrafschaft Meißen zugesprochen, was in der Geschichtsschreibung gemeinhin den Beginn des sächsischen Territorialstaats markiert (der wiederum bis 1918 ununterbrochen von Wettinern beherrscht wurde). Während das sächsische Machtzentrum sich jedoch erst in Meißen und später in Dresden herausbildete, blieb der Ilburg lediglich die Rolle des Verwaltungssitzes eines Amtes vorbehalten. Doch immerhin ließ Markgraf Wilhelm I. von Meißen die Burg im 15. Jahrhundert zu einem repräsentativen spätgotischen Schloss umbauen, welches allerdings im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) zerstört wurde. Ein Wiederaufbau erfolgte anschließend nicht. Ergo fand ich auf dem Schlossberg nur Fragmente der einstigen Anlagen.

Blick auf die Marienkirche, in der Martin Luther während der Reformationszeit mehrfach predigte

Nach den Koalitionskriegen (1792 – 1815), in denen die Sachsen gemeinsame Sache mit den Franzosen gemacht hatten und Napoleon Bonaparte sogar kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) im nahen Eilenburg Quartier bezogen hatte, gehörte das Amt Eilenburg zu jenen Gebieten, die Sachsen an die siegreichen Preußen abtreten musste. Im beginnenden Industriezeitalter begünstigte die Wasserkraft der hiesigen Mühlen und die Nähe zur Messestadt Leipzig ferner eine Ansiedlung von Textilfabriken, so dass sich Eilenburg im 19. Jahrhundert unter preußischer Herrschaft zu einer Industriestadt entwickelte.

Kursächsische Postmeilensäule von 1724

Trotz dem damit verbundenen Wachstum, dürfte Eilenburg bis 1945 ein ganz nettes Städtchen mit reichlich historischer Bausubstanz gewesen sein. Doch als kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs us-amerikanische Verbände in Richtung Mulde vorrückten, wurde die Stadt am 17. April 1945 zur Festung erklärt, die für Führer und Vaterland bis zum letzten Mann verteidigt werden müsse. Es folgten drei Tage und drei Nächte schweres Artilleriefeuer, ehe auch in Eilenburg der Traum vom Endsieg zerplatzte. Die weiße Fahne erhob sich nun aus den Trümmern einer zu über 80 % zerstörten Stadt.

Das Rathaus und die Nikolaikirche gehören zu den wenigen historischen Gebäuden, die nach 1945 originalgetreu rekonstruiert wurden

Die US Army übergab die Stadt ím Sommer 1945 schließlich vereinbarungsgemäß der Roten Armee. So wurde Eilenburg erst Teil der Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und gehörte ab 1949 zur Deutschen Demokratischen Republik (DDR). In den 1950er Jahren erfolgte dann ein zweckmäßiger Wiederaufbau der Stadt, bei dem nur vereinzelt Bauwerke originalgetreu rekonstruiert wurden. Entsprechend gab es touristisch nicht so viel für mich zu entdecken und eine gute Stunde hatte zumindest oberflächlich für die Altstadt und den Schlossberg genügt.

Das Ilburg-Stadion

Kurz vor Anpfiff erreichte ich das Ilburg-Stadion, an dessen Kasse ich 15 € entrichten musste und dessen historischer Hintergrund mich sogleich interessierte. Denn nachdem sich der Eilenburger Fußball jahrzehntelang im so genannten Bürgergarten und im Kurt-Bennewitz-Stadion abgespielt hatte (beide Stadien existieren leider nicht mehr), wurde erst 1997 das rund 5.000 Zuschauer fassende Ilburg-Stadion mit Graswällen und einer teils überdachten Haupttribüne eröffnet. Es diente zunächst dem MFC Eilenburg als Heimstätte. Schließlich war dieser 1994 aus dem Mörtitzer SV (zu DDR-Zeiten BSG Traktor Mörtitz) hervorgegangene Verein damals die sportliche Nr. 1 in der Muldestadt und spielte in der Sachsenliga. Jener MFC fusionierte 2001 schließlich mit dem FSV Grün-Weiß Eilenburg (zu DDR-Zeiten BSG Chemie Eilenburg) zum FC Eilenburg.

Die Gäste werden in Eilenburg auf dem Graswall der Gegengerade platziert

Nach der Bündelung der Kräfte wurde der FCE 2004 Sachsenmeister und stieg so in die seinerzeit viertklassige Oberliga Nordost auf. Dort reüssierte man immerhin fünf Jahre am Stück. Größter Erfolg war dabei ein 3. Platz am Ende der Saison 2006/07, als die Eilenburger namhafte Konkurrenz wie den FC Sachsen Leipzig, den Halleschen FC oder den FSV Zwickau hinter sich ließen. Nach dem Abstieg 2009 wurden die Gegner wieder etwas weniger klangvoll, doch der FCE blieb zumindest in Nordsachsen eine gute Adresse und schaffte 2021 den erstmaligen Aufstieg in die Regionalliga Nordost. Der Klassenerhalt missglückte zwar, aber 2022/23 gelang prompt der Wiederaufstieg. Im zweiten Anlauf klappte bisher alles besser und so träumt die selbsternannte Macht von der Mulde nun vom dauerhaften Etablieren in der regionalen Fußballelite.

Die Graswälle hinter den Toren stehen Zuschauern dagegen nicht zur Verfügung

Wenngleich man mit sechs Punkten aus acht Spielen Zeit knapp unter’m Strich steht. Aber die Saison ist noch lang und zumindest zuhause hat man den Anspruch es jedem Gegner möglichst schwer zu machen. Auch Schwergewichten, wie dem gegenwärtig Tabellenzweiten aus Jena. Der wiederum hatte am Vorwochenende das Spitzenspiel gegen den 1. FC Lok verloren (dieses Medium berichtete) und stand nun sogar selbst ein bisschen unter Zugzwang. Denn holt man heute wieder keinen Sieg, ist man drei Spiele am Stück sieglos und der Traumstart von sechs Siegen in den ersten sechs Spielen relativiert sich so langsam. Erst recht wenn der 1. FC Lok parallel die Babelsberger schlägt und seine Vorsprung an der Spitze ausbauen kann.

Der aktive Teil der mitgereisten Thüringer

Allerdings hatte man vor sieben Tagen nicht nur die Tabellenführung, sondern auch die beiden torgefährlichen Offensivspieler Joel Richter und Erik Weinhauer verloren (zusammen bereits 16 Saisontore). Die saßen heute wie ihr Trainer Henning Bürger zwangsweise eine Gelb-Rot-Sperre ab und mussten von außen beobachten, ob die Mannschaftskameraden auch ohne ihr Zutun siegreich sein können. Tattermusch (15.), Prokopenko (20.) und nochmal Tattermusch (25.) wollten gern die Zweifel ausräumen, scheiterten in der Anfangsphase aber jeweils am Eilenburger Schlussmann Niclas Edelmann.

Der passive Teil der mitgereisten Thüringer

Das erste Tor des Nachmittags sollte dann in der 28. Minute fallen. Allerdings am anderen Ende des Spielfelds. Bei einem Entlastungsangriff der Eilenburger konnte Noah Baumann den Gästetorhüter Marius Liesegang im Nachschuss überwinden. Zur Freude der zahlreichen mitgereisten Fans – ich schätze FCC-Anhänger machten zwei Drittel der insgesamt 1.026 zahlenden Zuschauer aus – fand der einstige Europapokalfinalist aber noch vor dem Pausenpfiff die passende Antwort. Prokopenko konnte Gipson den Ausgleichstreffer auflegen (43.).

Zwei Eilenburger Heinzelmännchen am Spielfeldrand

Ich hätte die Pause gerne für einen kleinen Imbiss genutzt, aber mein letztes Bargeld war für die Eintrittskarte drauf gegangen. Da ich mittlerweile schon wieder vier Wochen in Deutschland bin, konnte ich meinem knurrenden Magen auch keine gute Ausrede servieren. Ich hätte längst wieder wissen müssen, dass man bei einem Viertligaspiel nicht unbedingt mit Karte zahlen kann. Weder am Ticketschalter, noch an den Imbissbuden.

Die Solidarität der HA für die Ultras aus KA ist da

Wenigstens die FCC-Fanszene tischte vor und nach der Pause gut mit Gesängen an. Davon wurde ich zwar nicht satt, aber immerhin abgelenkt vom lästigen Appetit. Sie sangen ausdauernd, sie sangen abwechslungsreich und ein, zwei ihrer Melodien hört man auch nicht überall anders. Da hätte ich ihnen trotz meiner journalistischen Neutralitätspflicht durchaus noch einen zweiten Torjubel gegönnt. Aber nachdem Edelmann sich nach Wiederanpfiff noch ein paar Mal gegen Jenaer Angreifer auszeichnen konnte, passierte in der letzten halben Stunde nicht mehr viel auf dem Platz. Da war es nur folgerichtig, dass dieses Spiel am Ende keinen Sieger hatte.

Die obligatorische Schalparade

Im 30 km entfernten Bruno-Plache-Stadion war unterdessen der 1. FC Lok erneut siegreich gewesen, so dass deren Vorsprung auf den FCC mittlerweile auf vier Punkte angewachsen ist. Mit der Momentaufnahme im Kopf, dass am Saisonende vielleicht Lok Leipzig in Havelse um den Drittligaaufstieg spielt (aber ja, die Saison ist noch verdammt lang…), spazierte ich nun auf kürzestem Wege zurück zum etwas über 2 km entfernten Bahnhof. Dort fuhr um 15:36 Uhr die erstmögliche Bahn in Richtung Heimat ab. Auf der Rückreise via Leipzig (wo ich mit Kreditkarte an Proviant kam), Halle, Halberstadt und Goslar lief auch wieder alles reibungslos, so dass ich gute vier Stunden später Hildesheimer Boden betrat. War ein nettes Spätsommerwochenende in Sachsen gewesen. Kann ich nicht anders sagen.

Song of the Tour: Inspiriert vom Jenaer Liedgut (Wir wollten nochmal Meister sein, auf Europas Gipfel steh’n! Doch wir sind vom Thron gefall’n, Erinnerung wird nie vergeh’n…)