Jena 09/2024

  • 15.09.2024
  • FC Carl Zeiss Jena – 1. FC Lokomotive Leipzig 0:1
  • Regionalliga Nordost (IV)
  • Ernst-Abbe-Sportfeld (Att: 10.187)

Nach dem Sommerurlaub musste ich das Wochenende darauf im kleinen Kreis auf’s Älterwerden anstoßen und sah mir im Zuge dessen auch an, wie die Dartpfeile durch die Hildesheimer Halle 39 flogen. Danach begann der September mit einer Länderspielpause, die trotz ein, zwei Krachern im Amateurbereich nochmal zum Faulenzen anregte. Ich deklinierte an jenem Wochenende aber wenigstens den ganzen Rest des Jahres durch. Diverse Ausflüge, Kurztrips und Urlaubsreisen im Zeitraum von Mitte September bis Ende Dezember wurden geplant und teilweise auch umgehend gebucht.

Peter Wright ließ in Hildesheim alte Klasse aufblitzen

Am Folgewochenende ging es sodann wieder los mit der Reise- und Reportertätigkeit. Nachdem ich am Samstag dem Heimspiel der Roten Riesen gegen die Roten Teufel meine Priorität eingeräumt hatte, sollte am Sonntag einen Tagestrip nach Thüringen folgen. Ein schon lange störender und irgendwie auch peinlicher weißer Fleck auf meiner Deutschlandkarte musste endlich beseitigt werden. Dafür stand ich gerne schon um 5:30 Uhr auf und machte mich wenig später in Nahverkehrszügen per Deutschlandticket nach Jena auf.

Ankunft am Bahnhof Jena-West

Die 110.000-Einwohner-Stadt im Schatten der Kernberge erreichte ich um 10:20 Uhr. Wie es bei Schneppe Tours gute Sitte ist, musste beim Erstbesuch natürlich zunächst einmal eine touristische Ortsbegehung stattfinden. Dazu hatte ich mir eine kleine Route gebastelt, die mich auf großen Umwegen binnen zwei Stunden vom Bahnhof Jena-West zum Ernst-Abbe-Sportfeld führen sollte.

Das Normannenhaus

Zuerst ging es vom Bahnhof auf eine Anhöhe mit ein paar schönen Villen. Von denen stach das Normannenhaus besonders heraus. Dieser neoromanische Bau mit Zinnen und Türmchen wurde 1898 fertiggestellt und diente der akademischen Turnerschaft Normannia zu Jena fortan als Verbindungshaus. Die Normannia, die 1843 als Pharmazeutisch-Naturwissenschaftlicher Verein gegründet wurde, gilt nebenbei als älteste Turnerschaft der Welt. Heute ist das denkmalgeschützte Gebäude allerdings allgemein als Veranstaltungsort nutzbar und dient nicht mehr als Verbindungshaus.

Ernst-Abbe-Denkmal am Carl-Zeiss-Platz

Apropos Studentenverbindungen… Da muss ich sogleich erwähnen, dass Jena 1815 Gründungsort der so genanten Urburschenschaft war und diese erste studentische Burschenschaft überhaupt einen besonderen Einfluss auf das Korporationswesen im gesamten deutschsprachigen Raum hatte. So richtete die Jenaer Burschenschaft 1817 das berühmte Wartburgfest aus, an welchem über 500 Studenten von diversen Universitäten teilnahmen. Danach kam es in vielen weiteren Universitätsstädten zu Gründungen von Burschenschaften. Die national denkenden und von den Befreiungskriegen gegen Napoleon geprägten Burschenschafter setzten sich nun gemeinsam für die Abschaffung der deutschen Kleinstaaterei und die Schaffung eines gesamtdeutschen Reiches ein.

Hall of Fame an der Leutra

Vom Normannenhaus stieg ich über Treppen hinab zur Altstadt und passierte dabei u. a. das 1903 eröffnete Volkshaus und das Ernst-Abbe-Denkmal (1911) am Carl-Zeiss-Platz. Zeiss und Abbe… zwei Namen ich denen man in Jena definitiv nicht vorbeikommt. Aber bevor ich mich richtig in die Altstadt und Stadtgeschichte vorwagte, machte ich noch einen Schwenker nach Nordwesten. Denn am Lauf der Leutra befindet sich in der Jahnstraße eine Hall of Fame mit etlichen Graffiti. Ferner entdeckte ich im dortigen Kiez rund um die Universitätsklinik einige Wandbilder und Graffiti, die dem örtlichen Fußballclub oder dessen Fanszene gewidmet waren.

Nächstes Ziel auf meiner Route war die Wagnergasse (siehe Titelbild). Rechts und links vom Kopfsteinpflaster finden sich in den bunten Häusern etliche Cafés, Bars und Restaurants, so dass die Gasse zugleich die abendliche Ausgehmeile der Universitätsstadt ist. An ihrem östlichen Ende erwartete mich dann auf dem Johannisplatz ein Carl-Zeiss-Denkmal und ein just bei meiner Ankunft um 11 Uhr öffnender Imbisspavillon. Bei Fritz Mitte gab ich die Zubereitung einer pikanten Rindscurrywurst und einer Portion belgischen Fritten mit Joppiesauce in Auftrag (zusammen 7,50 €).

Die Johannisstraße mit dem mittelalterlichen Johannistor an ihrem Ende

Beim Warten auf’s frittierte Sonntagsmahl musste ich endlich meine Wissenslücken über Carl Zeiss und Ernst Abbe schließen. In sieben Minuten fand ich immerhin heraus, dass Zeiss 1816 im nahen Weimar geboren wurde und nach dem Abitur ab 1834 in Jena bei Friedrich Körner in die Lehre ging. Sein Lehrmeister war einerseits Hersteller von optischen Instrumenten und andererseits Dozent an der hiesigen Universität. Nebenbei schrieb sich Zeiss an jener Jenaer Universität ein und besuchte mathematische und naturwissenschaftliche Vorlesungen. Nach seiner Lehre ging er dann mit einem Empfehlungsschreiben von Körner auf Wanderjahre.

Carl-Zeiss-Denkmal am Johannisplatz

1846 kehrte Zeiss nach Jena zurück und eröffnete in der Neugasse seine erste eigene optische Werkstatt und ab 1858 wurde schließlich hier am Johannisplatz getüftelt. Er baute Mikroskope von großer Präzision, die entsprechend guten Absatz fanden. So richtig durchstarten tat Zeiss allerdings erst ab 1866. Damals begann er die Zusammenarbeit mit dem Physikprofessor Ernst Abbe, dem bahnbrechende Formeln und Theorien im Bereich der Optik zu verdanken sind. Gemeinsam entwickelten sie noch präzisere optische Instrumente und Apparaturen.

Ernst-Abbe-Denkmal am Fürstengraben (auf der Kugel ist die von Abbe aufgestellte Formel zur Berechnung der Auflösungsgrenze verewigt)

1882 lotste man außerdem den Chemiker Otto Schott nach Jena, der spezielles optisches Glas herstellen konnte. Im Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit des Trios Zeiss, Abbe und Schott stieg die Fa. Carl Zeiss im späten 19. Jahrhundert zum international führenden Hersteller von Mikroskopen, Fernrohren und Objektiven auf. Ferner führte Abbe, der nach dem Tod von Zeiss im Jahre 1888 das Unternehmen alleine weiterführte, soziale Innovationen wie eine Gewinnbeteiligung und eine Betriebsrente für die Mitarbeiter ein.

Mein Mittagessen

Ich hätte die Geschichte der optischen Industrie in Jena, sowie Abbes vorbildliche Sozialleistungen gerne noch weiter vertieft. Doch just als ich in der Firmenchronik im Jahr 1903 angekommen war (Gründung des Fußballklubs der Firma Carl Zeiss Jena), reichte mir der Imbisswirt meine fertig gebrutzelte Bestellung. Aber gut, zumindest der Fußballclub wird später eh noch genug Raum bekommen.

Der JenTower

Nach dem Schmaus schlenderte ich erstmal an den Resten der historischen Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert entlang. Das Ensemble mit den beiden markanten Türmen Johannistor und Pulverturm befindet sich im Schatten des in Jena alles überragenden JenTower. Für das runde und 144,5 m hohe Bürohochhaus musste 1969 ein gut erhaltenes Altstadtquartier weichen. Am 2. Oktober 1972 wurde dieser „Leuchtturm“ des Sozialismus schließlich fertiggestellt und dem Carl-Zeiss-Kombinat übergeben. Die hatten aber eigentlich keine Nutzung dafür und überließen es der Universität.

Der Pulverturm

Von Stadtmauer und JenTower war es nun auch nicht mehr weit zur Stadtkirche St. Michael. Diese spätgotische Hallenkirche entstand ab 1380 und wurde im 16. Jahrhundert vollendet. Da genau an diesem Wochenende 500 Jahre Reformation in Jena gefeiert wurde, konnte ich mich im relativ schmucklosen Inneren der protestantischen Hauptkirche auf Schautafeln über Luthers Wirken an diesem Ort informieren. 1524 predigte der Reformator erstmals in St. Michael und danach war die Reformation am Fuße der Kernberge offenbar nicht mehr aufzuhalten.

Stadtkirche St. Michael

Außerdem erfuhr ich, dass es ohne die Reformation wahrscheinlich nicht zur Gründung der Höheren Landesschule im Jahre 1548 gekommen wäre. Diese Stiftung des sächsischen Herzogs und Kurfürsten Johann Friedrich I. (genannt Hanfried), die 1557 vom Kaiser die Rechte einer Universität verliehen bekam, sollte aus einem kleinen Weinbauerstädtchen eine bedeutende Universitätsstadt machen. Dabei denke ich jetzt nicht nur erneut an Zeiss oder Abbe, sondern ebenfalls an Brehm, Hegel, Hufeland, Fichte oder Schiller. Letzterer ist übrigens seit 1934 der Namenspatron der Universität.

Volksfestvibes

Als nächstes stand der historische Marktplatz mitsamt dem Rathaus (14. Jahrhundert) auf meiner Liste. Allerdings sollte an diesem Wochenende nicht nur die Reformation, sondern auch das Altstadtfest in Jena gefeiert werden. Entsprechend waren die Sichtachsen und Fotoperspektiven mit Fahrgeschäften und Fressbuden zugestellt. Aber man kann als Tourist nun mal nicht immer Glück haben.

Rückseite des Rathauses

Statt Zuckerwatte zu kaufen oder Riesenrad zu fahren, orientierte ich mich nun so langsam zum Ernst-Abbe-Sportfeld. Dabei passierte ich noch das 1921 von Walter Gropius entworfene Theaterhaus (dessen Architektur mich wieder an mein Juniwochenende in Dessau erinnerte) und Friedrich Schillers einstiges Gartenhaus. Der von 1789 bis 1799 in Jena wirkende Dichter und Denker hat in diesem Häuschen seinen Wallenstein geschrieben und auch Teile von Maria Stuart und Die Jungfrau von Orleans sollen hier verfasst worden sein. Im Garten steht ferner ein alter Steintisch, an dem Schiller oft mit Goethe zum Gedankenaustausch zusammengesessen hat.

Schillers früheres Häuschen in Jena

Seinen Ausklang fand der Stadtspaziergang im Volkspark Oberaue an der Saale. Dieses schöne städtische Naherholungsgebiet besteht aus der Rasenmühleninsel, dem Paradies und der eigentlichen Oberaue. Hier findet man neben Wasser, Wiesen und Skulpturen außerdem mehrere Sportanlagen. Darunter das am 24. August 1924 eröffnete und heuer 15.100 Zuschauer fassende Ernst-Abbe-Sportfeld nebst Nebenplätzen. Pünktlich zum 100. Geburtstag konnte just die 2020 begonnene Komplettsanierung vollendet werden. Erhalten geblieben ist nur die 1997 errichtete „alte“ Haupttribüne auf der Westseite des Stadions, sowie der markante Stadionturm (der nun jedoch außerhalb des eigentlichen Stadions steht).

Ankunft am EAS (links der Stadionturm, im Hintergrund die Kernberge)

Einher mit Stadionprojekt ging allerdings auch ein großes Streitthema. Denn seit den legendären Europapokalabenden in der Saison 1980/81* hatte sich die Südkurve des Stadions als Fankurve etabliert. Aber als der der FCC 1998 aus der 2. Bundesliga absteigen musste und sich in der Regionalliga Nordost nur noch wenige Zuschauer im Ernst-Abbe-Sportfeld verloren, wurde auf Anraten der Polizei der Gästeblock ausgerechnet in die Südkurve verlegt.

Südkurve: Ein Stück Identität

Doch nachdem sich 2001 mit der Horda Azzuro eine erste Ultragruppe in Jena gründete, begannen deren Mitglieder für eine Rückkehr in den Süden zu antichambrieren und 2007 gab es immerhin schon die halbe Süd für die Heimfans zurück. In den Um- bzw. Neubauplänen des EAS erhoffte man sich natürlich den kompletten Stadionsüden als Heimkurve. Weil es aufgrund der Zuwege polizeiliche Sicherheitsbedenken bezüglich eines Gästeblocks im Norden gab, war jedoch auch in den Modernisierungskonzepten die Südwestecke des Stadions als Gästebereich vorgesehen. Die neue Heimat der Jenaer Fanszene sollte hingegen planmäßig die Nordseite des Neubaus werden.

Die neue Haupttribüne

So begann die aktive Fanszene um die Horda schon lange vor dem ersten Spatenstich ihren Kampf für die Südkurve und gründete 2015 die Initiative Südkurve bleibt!. Auch von einem negativen Stadtratsbeschluss im November 2018 ließ man sich nicht entmutigen. Man entwickelte eigene Konzepte, gewann Experten, Politiker und Prominente für sein Anliegen und sammelte über das so genannte crowdFANding rund 150.000 € für die baulichen Mehrkosten einer von Heim- und Gästefans geteilten neuen Südkurve ein. 2022 erfolgte schließlich der Durchbruch. Durch die gesammelten Beträge, einen moderaten Preisaufschlag für zukünftige Südkurventickets und unentgeltliche Mitarbeit der Fans auf der Baustelle, lenkte die Stadt Jena als Stadioneigentümer und Bauherr ein.

In Thüringer Stadien ist eine Rostbratwurst im Prinzip Pflichtprogramm

Respekt vor dieser Beharrlichkeit und so viel Einsatz. Wenngleich das Ergebnis auf so einen außenstehenden Erstbesucher wie mich schon speziell wirkt. So hat man nun im Norden eine Art Fankurve mit tausenden Stehplätzen, in der sich die optische und akustische Aktivität der dort ansässigen Fans und Fanclubs dennoch in Grenzen hält. Im Süden ist hingegen eine räumlich arg limitierte aktive Fanszene rund um die Horda zu finden. Die sind dort quantitativ bereits jetzt an ihrer Grenze, können also wenig bis keinen Zuwachs aufnehmen. Im Norden wäre dagegen auf den ersten Blick gutes Entwicklungspotential. Allerdings haben Eindrücke von Außenstehenden natürlich a) keine Relevanz und b) bin ich mir sicher, dass die Szene langfristig alles dafür tun wird, dass ihnen irgendwann doch die ganze Süd zugesprochen wird. So könnten wir es also nur mit einem Übergangsszenario zu tun haben.

Das Wappen eines stolzen Traditionsvereins

Wer ferner denkt, dass nach der Rückkehr in der aktiven Fanszene in den Süden eitel Sonnenschein an der Saale herrscht, hat außerdem noch nie von Kay Seidemann gehört. Der Transfer dieses Spielers von Rot-Weiß Erfurt zum FC Carl Zeiss überschattete die Sommerpause und den sportlich starken Saisonstart. Spielerwechsel zwischen zwei Erzrivalen sind bekanntlich per se kompliziert. Doch bei Seidemann kommt erschwerend hinzu, dass er sich im Dress des RWE besonders kurvennah gegeben hat und sich gerne auf Kosten des FCC Pluspunkte in der Erfurter Szene abgeholt hat. So hat er sich u. a. geweigert in Interviews den Namen seines heutigen Arbeitgebers auszusprechen und privat auch schon mal ein Shirt mit dem Aufdruck „Thüringen ist rot-weiß“ getragen. Wie ehrlich und authentisch das war, werden sich nun sicher nicht nur die Fans in Erfurt fragen. Allerdings hat die Südkurve natürlich trotzdem keinen Bock auf diesen Spieler und auf allen erdenklichen Kommunikationswegen klar gemacht, dass sie Kay Seidemann im FCC-Dress niemals akzeptieren werden.

Die Nordkurve im neuen EAS

Aber der Vertrag zwischen dem FCC und Seidemann wurde trotz aller Widerstände geschlossen und so musste man doch einen Modus Vivendi finden. Seitens der Kurve wird Seidemann seit Saisonstart wie Luft behandelt, während er seinerseits nach den Spielen seine Mitspieler nicht in die Südkurve begleiten darf. Nachdem am 4. Spieltag gegen den Chemnitzer FC der vierte Saisonsieg gefeiert werden konnte, wagte sich Seidemann auf Anregung des Co-Trainers allerdings doch erstmals vor die Südkurve. Dumme Idee, die im erwartbaren Eklat endete. Der FCC erteilte Seidemann daraufhin eine schriftliche Dienstanweisung (!), dass er sich nicht mehr der Südkurve nähern darf.

Die Südkurve ist kleiner als gewünscht, aber lebendig

Ungeachtet dieser störenden Nebengeräusche, konnte der FC Carl Zeiss seine Siegesserie noch weiter ausbauen und jüngst auch den Erzrivalen aus Erfurt mit 5:1 deklassieren (inklusive einem Treffer von Seidemann gegen seinen Ex-Arbeitgeber). Insgesamt hat man in den ersten sieben Spielen 19 Punkte eingefahren und empfing den 1. FC Lok heute als Tabellenführer im Paradies. Der Gast aus Probstheida kam ebenfalls ungeschlagen nach Jena (fünf Siege, zwei Unentschieden) und besaß somit die Möglichkeit das Ernst-Abbe-Sportfeld als Spitzenreiter zu verlassen.

Choreo Part I

So hatte ich mir für 23 € also das Beiwohnen eines echten Spitzenspiels erkauft, bei dem sich zur sportlich spannenden Ausgangssituation auch noch eine starke Rivalität der beiden Fanszenen gesellte. Entsprechend waren unter den über 10.000 Stadionbesuchern ca. 1.500 Gästefans und die starteten den Nachmittag mit einer zweiteiligen Choreographie in ihrem Teil der Südkurve. Erster Akt: Papptafeln in den Clubfarben und die Losung „Nur mit LOK fühlen wir uns frei“. Zweiter Akt: Ungefähr 150 Doppelhalter, die alle einen gegen einen Flutlichtmast des heimischen Bruno-Plache-Stadions gecrashten Polizeiwagen zum Motiv hatten. Diesmal mit „Trotz Repression und Polizei“ als Botschaft begleitet.

Choreo Part II

Heimseitig gab es dagegen kein besonderes Intro. Dazu machte der lautstarke Lok-Anhang es der Südkurve schwer dauerhaft zu mir durchzudringen. Ich saß eben deutlich näher an den Gästen und wenn die mit 1.500 Kehlen was schmetterten, kamen die 1.000 Seelen vom anderen Ende der Südkurve dagegen akustisch kaum an. Aktivität war aber permanent bei Horda & Co auszumachen. Ich denke, hätte ich gegenüber auf der Haupttribüne gesessen, wäre meine Wahrnehmung genau andersrum gewesen.

In der Südkurve wird den Ultras Bochum zum 25. Geburtstag gratuliert

Auf dem Rasen war hingegen deutlich weniger los, als in den Fanblöcken. Die bisher beste Defensive der Liga (Lok hatte in den ersten sieben Saisonspielen nur vier Gegentore kassiert) stand auch gegen die bisher torgefährlichste Offensive (bereits 24 Treffer) sehr gut. So kam der durchaus bemühte FCC kaum in aussichtsreiche Positionen, während die Gäste selbst bei Ballbesitz tief gestaffelt blieben. Vielleicht unterschlage ich was, aber an mehr als jeweils einen Torschuss pro Team kann ich mich in den ersten 45 Minuten nicht erinnern.

Aus Gründen waren diese Fans für mich gut zu sehen, aber schlecht zu hören

In der Halbzeitpause kündigte sich dann weitere Action auf den Rängen an. Diverse Lokisten vermummten sich und streiften sich teils Bombenjacken über (stilecht die orangefarbene Innenseite nach außen). Ich erwartete jetzt beim Wiederanpfiff eine kleine Pyroshow, aber eigentlich hatte man sich nur zum Randalieren vermummt. Denn während sich ein paar Testosteron-Tonis bereits an einem Fluchttor zu schaffen machten, zogen die Bombenjacken-Bobos nun zum Trennzaun und konnten sogar ein Zaunelement erfolgreich demontierten.

Provokateure aus Probstheida

In der großzügig bemessenen Pufferzone zwischen Heim- und Gästesektor hatte sich allerdings sogleich ein Großaufgebot aus Ordnungsdienst und Bereitschaftspolizei formiert. Man bewarf die Uniformierten noch mit Signalfackeln und gestikulierte wild in Richtung der Jenenser. Aber so wie die Leipziger Problemfans keine Anstalten machten ernsthaft in den Pufferblock vorzudringen, ließen sich auch die Adressaten nicht so einer Harakiri-Aktion hinreißen. Denn was wäre außer Stadionverboten, Strafanzeigen und eine neue sicherheitspolitische Diskussion über den Standort auch zu holen gewesen?

Videoaufnahmen vom Ärger im Paradies

Als sich die Situation in der Südkurve wieder beruhigt hatte, wurde es auf dem Spielfeld langsam hitzig. Dort stellte Schiedsrichter Henry Müller in der 75. Minute Jenas torgefährlichen Mittelfeldspieler Joel Richter (bereits fünf Saisontore) per Ampelkarte vom Platz. Das emotionalisierte einerseits weite Teile des Heimpublikums und verschaffte Lok andererseits Feldvorteile. Doch so richtig kam trotzdem noch nichts vom Nachfolgeverein des ersten deutschen Fußballmeisters VfB Leipzig. Erst als den noch torgefährlicheren FCC-Stürmer Erik Weinhauer** (11 Saisontore) sieben Minuten später das gleiche Schicksal wie Richter ereilte, begann eine spürbare Schlussoffensive der Blau-Gelben.

Schiedsrichter Müller war bestimmt trotz seiner spielentscheidenden Rolle bei Ch.W.D.P. mitgemeint

Die Gästekurve peitschte ihre Mannen dabei noch lauter als zuvor nach vorne, während das Heimpublikum versuchte irgendwie der zehnte Mann auf dem Feld zu sein. Jeder gewonnene Zweikampf und jeder Befreiungsschlag wurde frenetisch von den Thüringern gefeiert. Man hielt sich auch tatsächlich bis weit in die Nachspielzeit schadlos. Doch in der 4. Minute jener Extra Time passierte, was offenbar noch passieren musste. Nach einer Flanke von außen konnte FCC-Schlussmann Liesegang zwar einen Kopfball von Ziane aus kurzer Distanz abwehren, doch Loks Joker Luc Elsner (erst wenige Minuten zuvor eingewechselt) staubte ab. Völlige Ekstase im Gästesektor, während der Rest des Stadions selbstredend erheblichen Frust schob.

Das Lok-Lager feiert das Happy End am heutigen Nachmittag

Neben den so genannten Sachsenschweinen im Gästebereich, wurde vor allem auch der Unparteiische verbal derb angegangen. Müller hatte bereits in der Vorsaison dieses brisante Duell gepfiffen und etliche Entscheidungen zum Nachteil der Thüringer getroffen (damals erzielte Lok übrigens in der 11. Minute der Nachspielzeit das Siegtor). Jetzt war es nicht anders, wenngleich ich auch beim späteren Videostudium zumindest keine krassen Fehlentscheidungen ausmachen konnte. Aber es war definitiv eine harte Linie, die der Referee fuhr. So ließ er sich nach dem Gegentreffer auch kein Gemecker von der FCC-Bank bieten. Kurz bevor der 1. FC Lok endgültig den Auswärtssieg und die Tabellenführung feiern konnte, kassierte Jenas Cheftrainer Henning Bürger deshalb die Rote Karte und gefühlt die halbe Bank bekam noch Gelb.

Der Schiedsrichter verlässt den Platz

Nach seinem Schlusspfiff musste Müller deshalb von vielen Regenschirmen geschützt in die Katakomben gebracht werden. Wenig später verließ der heimliche Man of the Match laut Medienberichten unter Polizeischutz das Gelände (in seinem Fall übrigens Kollegenschutz, da Müller ebenfalls Polizeibeamter ist). Für mich ging es unterdessen ohne Eskorte, aber ebenfalls schnellen Schrittes aus dem Stadion. Ziel war der Westbahnhof, von wo es um 15:38 Uhr wieder westwärts ging. Keine vier Stunden später war ich zurück in Hildesheim und sehr zufrieden mit meinem Tagesausflug. Spitzenspiele in Jena, gerne wieder.

Song of the Tour: Ein Streetpunk-Plädoyer für die Südkurve

*Nachdem der FC Carl Zeiss 1980 zum vierten Mal den FDGB-Pokal (DDR-Pendant zum DFB-Pokal) gewinnen konnte, lieferte man 1980/81 die besten internationalen Auftritte der Vereinsgeschichte ab. In der 1. Runde wurde ein 0:3 bei der AS Roma im Ernst-Abbe-Sportfeld noch auf 4:3 gedreht, in der 2. Runde schlug man an gleicher Stelle den Valencia Club de Fútbol mit 3:1 (Gesamtscore 3:2) und nachdem man gegen Newport County das Viertelfinale auf walisischem Boden für sich entscheiden konnte (nach einem 2:2 im EAS), schlug man im Halbfinale Benfica mit 2:0 in Jena (Gesamtscore 2:1). Im Endspiel, welches im Düsseldorfer Rheinstadion nur wenige handverlesene DDR-Bürger live erleben konnten, musste sich die von Hans Meyer trainierte Erfolgself allerdings dem sowjetischen Pokalsieger Dinamo Tbilisi geschlagen geben (1:2).

**Erik Weinhauer war nebenbei wie Kay Seidemann vom Erzrivalen RWE zum FCC gewechselt. Aber anders als Seidemann, war Weinhauer nie negativ in Richtung Jena aufgefallen. Entsprechend wurde Weinhauers Verpflichtung kein Politikum und der Torjäger darf in der Südkurve die Fans abklatschen.