- 24.08.2024
- Preston North End – Luton Town 1:0
- Championship (II)
- Deepdale (Att: 15.245)
Am 23. August klingelte der Wecker um 7 Uhr. Nach dreizehn Nächten in Sheffield musste der riesige Trekkingrucksack wieder gepackt werden und um 7:45 Uhr ging es ein letztes Mal zum Frühstücksbuffet des Hotels. Exakt 60 Minuten später saß ich in einem Zug und winkte der Stadt, die zwei Wochen lang sehr gut zu mir war, wehmütig zum Abschied. Via Manchester ging es nun für £ 17.30 (ca. 20,50 €) nach Preston im Lancashire, wo um 15 Uhr noch ein letztes Fußballspiel auf meiner Liste stand und der Urlaub seinen Ausklang finden sollte.

Ich erreichte Preston exakt vier Stunden vor Anpfiff und brachte zunächst mein Gepäck ins bahnhofsnahe Premier Inn, welches heute für eine Übernachtung mit Frühstück £ 76 (ca. 90 €) verlangt hatte. Anschließend erkundete natürlich gern das Zentrum der 96.000-Einwohner-Stadt. Mich erwartete zwar kein zweites Lincoln oder York, aber immerhin war’s in Preston ein bisschen einladender und lebendiger als in Rotherham. Obwohl die Lokalgeschichte viele Parallelen zu letztgenannter Stadt aufweist. So stieg das 1179 vom König mit dem Marktrecht privilegierte Preston während der industriellen Revolution (ab Mitte des 18. Jahrhunderts) zu einem der Zentren der britischen Textilindustrie auf und hatte wie alle Industriestädte Nordenglands in den letzten Jahrzehnten die große Herausforderung des Strukturwandels zu meistern.

Entsprechend würde eine Kurzchronik von mir ähnlich wie in diversen vorigen Berichten klingen. Daher spare ich mir das mal ausnahmsweise. Viel spannender ist an dieser Stelle hingegen, was Preston in jüngerer Vergangenheit anders als andere kriselnde Industriestädte gemacht hat. Die von Labour geführte Lokalregierung hat sich nämlich im Zuge der großen Finanzkrise von 2008 zwei Realitäten gestellt. Einerseits, dass großes Kapital von außen schwer zu locken ist und die multinationalen Konzerne auch schnell wieder weg sind, wenn woanders noch bessere Konditionen winken, respektive noch billiger produziert werden kann. Andererseits, dass aus der leeren Regierungskasse in London viel zu wenig finanzielle Unterstützung für die Krisenbewältigung zu erwarten ist.

So suchte man einen Ansatz aus der Krise mithilfe der Unternehmen und Institutionen, die gewissermaßen ortsgebunden sind (so genannte Ankerinstitutionen). Die Wohnungsbaugenossenschaften, die Universität, die Krankenhäuser und alles was teilweise oder ganz zum öffentlichen Sektor zählt, haben schließlich jährlich einen riesigen Bedarf an Material und externen Dienstleistungen. Da man bisher die entsprechenden Angebote in erster Linie monetär betrachtete und irgendwo auf der Welt immer jemand günstiger ist, wurden die Aufträge bis dahin fast nur an Bieter von außerhalb vergeben. Das eingesetzte Kapital der öffentlichen Institutionen floss also in großem Stile aus Preston ab. Im schlechtesten Fall sogar an Firmen, die nicht mal in Großbritannien Steuern zahlen.

So ersann man sich im Rathaus das aus u. a. Cleveland (USA) inspirierte Modell vom Community Wealth Building (Aufbau von Gemeinschaftsvermögen), dank welchem die Ankerinstitutionen in ihren Ausschreibungen seit 2012 ein großes Augenmerk auf ökologische und soziale Kriterien legen. Der Preis ist nicht mehr das alleinige oder zumindest wichtigste Kriterium, sondern die Länge der Transportwege, die Umweltstandards oder die Arbeitsbedingungen (beispielsweise, ob der Bieter faire Löhne zahlt, einen Betriebsrat und junge Menschen ausbildet) werden ebenfalls stark gewichtet.

Gleichsam werden Genossenschaftsmodelle in Preston gezielt gefördert. Ist ein Auftrag auf den ersten Blick zu groß für die kleinen und mittleren Betriebe der Stadt, können sie eine Kooperative bilden und das Projekt zusammen realisieren. So ist jüngst der Um- und Ausbau der Markthalle erfolgreich von lokalen Handwerksbetrieben vollzogen worden und der Auftrag somit nicht an eine große Baufirma mit Sitz in London oder sonstwo gegangen. Genauso werden Firmengründer, die sich für ein Genossenschaftsmodell entscheiden, besonders von der Kommune gefördert. Ziel ist es, dass möglichst viele lokale Unternehmen ihren Angestellten und somit den Bürgern der Stadt gehören (hier ist die baskische Stadt Mondragón ein Vorbild).
Anhänger neoliberaler Wirtschaftspolitik sehen in Community Wealth Building natürlich zurecht eine Form von Protektionismus, der die Grundsätze der freien Marktes unterläuft. Denen wird man in Preston wahrscheinlich entgegnen, dass der Markt in Sachen Vermögensverteilung oder Klimaschutz ziemlich beschissen regelt und soziale und ökologische Gesichtspunkte endlich vernünftig eingepreist gehören. Genau das versucht Community Wealth Building in einem wirklich begrenzten Rahmen zu leisten. Funktioniert das auch langfristig so gut, wie die Kennzahlen der ersten Jahre suggerieren, werden wahrscheinlich noch viele Kommunen folgen.

Zum Glück halten es große Ketten und Konzerne trotzdem noch in diesem semisozialistischen Biotop aus, so dass ich gegen 13 Uhr für’s Mittagessen in eine Niederlassung von Wetherspoon’s einkehren konnte. Diese landesweite Gastrokette hat mit dem The Twelve Tellers einen schicken Pub in ein altes Bankgebäude gezaubert. Ich entschied mich dort für einen Chicken Basket mit verschiedenen frittierten Hühnchenteilen, sowie Reis und Coleslaw als Beilagen. Zusammen mit einem Cherry Porter der Titanic Brewery machte das £ 9.01 (ca. 10,60 €).

Nach dem mittelmäßigen Mittagessen brach ich zum Deepdale Stadium auf, welches einen rund halbstündigen Spaziergang vom Stadtzentrum entfernt ist. Dieses bereits 1878 eröffnete Stadion erreichte ich deutlich vor Anpfiff und umrundete es aus Neugier erst einmal. Da zwischen 1994 und 2008 nach und nach alle vier Tribünen neu gebaut wurden, kommt das Bauwerk allerdings nicht mehr besonders altehrwürdig daher. Aber es ist ein schönes englisches Stadion ohne großen Schnickschnack. Dazu wird mit Denkmälern und Gedenktafeln an die einstigen Helden und die großen Triumphe der Vergangenheit erinnert.

Denn der 1880 gegründete Preston North End Football Club, der bereits seit dem ersten Tag im Deepdale Stadium zuhause ist, hat durchaus Palmarès. Man war 1888 Gründungsmitglied der Football League und gewann ungeschlagen (!) die Erstaustragung der ältesten Fußballliga der Welt (daher auch der Spitzname The Invincibles). Doch nicht nur als Meister beendete man die Saison 1888/89, sondern der FA Cup wurde in jenem Spieljahr ebenfalls gewonnen (in diesem Wettbewerb blieb man sogar komplett ohne Gegentor). Damit ist PNE natürlich auch der erste Doublesieger in der Geschichte des Fußballsports.

In der Folgesaison konnte man seinen Meistertitel außerdem verteidigen, wenngleich die zweite die bis heute vorerst letzte Meistertrophäe sein sollte. Nichtsdestotrotz blieb PNE im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in der nationalen Spitzengruppe. Das untermauern die Vizemeisterschaften 1891, 1892, 1893 und 1905, während man 1938 ein zweites Mal den FA Cup gewinnen konnte. Ferner sollten die Prestonians in den 1950er Jahren nochmal oben angreifen, als die Saisons 1952/53 und 1957/58 erneut als Vizemeister beendet wurden.

Das war übrigens die Ära der Clublegende Tom Finney (* 1922; † 2014). Der hat zwischen 1946 und 1960 nicht nur staatliche 434 Spiele (188 Tore) für PNE absolviert, sondern durfte auch 76 Mal für die englische Nationalmannschaft auflaufen (30 Tore). Dem 1998 zum Ritter geschlagenen Finney ist ob seiner herausragenden Leistungen das schöne Denkmal auf dem Titelbild dieses Berichts gewidmet und eine Tribüne des Stadions trägt heute ebenfalls seinen Namen. Kleine Anmerkung am Rande: Finneys Spitzname war The Preston Plumber, weil er während seiner Profikarriere nebenbei weiter als Klempner arbeitete. Seinen Handwerksbetrieb in Preston sollte Tom Finney noch bis die 1990er Jahre weiterführen.

Leider stieg Preston North End nur ein Jahr nach Finneys Karriereende aus der First Division ab und sollte bis heute nie wieder erstklassig spielen. Tiefpunkt waren dabei zweifelsohne die zwei Spielzeiten in der Fourth Division (1985 – 1987), aber in jüngerer Vergangenheit hat man sich zumindest wieder zu einem soliden Zweitligisten gemausert und empfing heute um 15 Uhr mit Luton Town einen Absteiger aus Premier League. Der Sensationsaufsteiger aus dem Vorjahr hatte sich im Oberhaus für seine Möglichkeiten zwar ganz gut verkauft, aber am Ende der Premierensaison in der Premier League ging es postwendend wieder runter in die Championship. Übrigens zusammen mit den Mitaufsteigern Burnley und Sheffield United.

Da sowohl PNE (0 Tore, 0 Punkte), als auch Luton Town (1 Tor, 1 Punkt) die beiden ersten Saisonspiele wenig bis gar nichts geholt haben, hatten beide tatsächlich schon am 3. Spieltag ein kleines bisschen Druck. Die Gäste schienen damit besser klarzukommen, aber u. a. ihr von Brentford verpflichteter Neuzugang Shandon Baptiste ließ gute Chancen liegen. In der 39. Minute war es dann schließlich ein wunderbar vorgetragener Angriff der Hausherren, welcher das Spiel letztlich entscheiden sollte. Kaine Kesler-Hayden, eine Leihgabe von Aston Villa, bediente auf Außen seinen Mitspieler Emil Riis Jakobsen mit einem genialen Hackentrick. Jakobsen fand im Strafraum wiederum seinen sträflich frei stehenden Sturmpartner Will Keane, der platziert ins Toreck abschloss.

Ich dachte zwar, dass von den Hatters (Hutmacher) im zweiten Durchgang auf jeden Fall noch eine Antwort zu erwarten ist. Aber ihre durchaus redlichen Angriffsbemühungen nach dem Seitenwechsel scheiterten immer entweder an Preston Schlussmann Woodman oder am Woodwork. So zitterte sich PNE in die Schlussviertelstunde, in der es außerdem noch recht laut im Stadion wurde. Denn das Heimpublikum spürte, dass es gebraucht wird und goutierte jeden gewonnenen Zweikampf und Entlastungsangriff lautstark. Am Ende durften Mannschaft und Fans tatsächlich den vielleicht etwas schmeichelhaften den ersten Saisonsieg feiern, während der LTFC im Tabellenkeller bleiben muss.

Ich war am Ende erfreut, dass ich diese Woche nach dem ältesten Fußballclub der Welt (Sheffield FC) und dem ältesten professionellen Fußballclub (Notts County FC) auch noch den allerersten Meister der ältesten Fußballliga gesehen habe. Das war aus fußballhistorischer Perspektive insgesamt ein toller Trip. Auch fast alle zwölf Stadien dieser zweiwöchigen Reise waren den Besuch wert. Aber ’ne weitere Woche musste es auch nicht mehr sein, so dass der Urlaub zur rechten Zeit endete. Gerade atmosphärisch freue ich mich wieder sehr auf Stadionbesuche in Deutschland.

Nach dem Spiel spazierte ich zurück ins Stadtzentrum und checkte nun endlich ins Hotel ein. Dort döste ich ein gutes Stündchen, aber gegen 19 Uhr wagte ich mich erneut vor die Tür. Ein, zwei Pints und ein Abendessen mussten einfach noch sein. Für ersteres Ansinnen suchte ich The Orchard Bar am Markt auf, die einiges am Hahn hatte. Ich entschied mich für ein Rakau Wakatu. Ein bitteres, zweifach gehopftes Ale der Mallinson’s Brewing Company, für welches der Mann hinter der Theke £ 4.20 (ca. 4,95 €) verlangte. Dazu tauchte auf dem überdachten Marktplatz alsbald eine Sängerin mit Gitarre auf, die Coverversionen von großen Rockballaden zum Besten gab.

Eigentlich eine nette Atmosphäre für ein zweites Pint. Doch mein Magen drängte mittlerweile so sehr auf feste Nahrung, dass ich mich mit den Optionen in der Umgebung vertraut machen musste. Wie so oft im Vereinigten Königreich, fand ich fast nur Ketten und Schmierimbisse. Am Ende machte das Mowgli das Rennen. Diese noch relativ junge Kette – 2014 eröffnete das erste Mowgli in Liverpool – bietet indisches Essen in ansprechendem Ambiente. Die Speisekarte lädt dazu ein, dass man sich verschiedene Schälchen mit Mains und Sides als Platte zusammenstellt. Oder man macht es sich ganz einfach und wählt wie ich für £ 20 (ca. 23,50 €) das Food Roulette. Dann bekommt man drei Mains und eine Sättigungsbeilage nach Laune der Küche.

Außer ein £ 5.50 (ca. 6,50 €) teures Fläschchen französischer Cidre und Reis als besagte Sättigungsbeilage, kamen bald ein veganes und zwei Hühnchengerichte an meinen Tisch. Es handelte sich um Mowgli’s House Chicken (ein mildes, cremiges Curry mit Kokos und Mandeln verfeinert), Mother Butter Chicken (würzig-fruchtiges Curry auf Basis von Tomate und Joghurt) und Keema Karma (Sojahack mit Tomate und Hülsenfrüchten). Alles mit etlichen Aromen zur Beschäftigung des Gaumens gesegnet und somit ganz nach meinem Gusto.

Satt war ich obendrein auch geworden und eigentlich hatte ich mittlerweile die nötige Bettschwere. Aber der Wetherspoon’s neben meinem Hotel reizte doch irgendwie noch. Im The Grey Friar investierte ich nochmal £ 1.86 (ca. 2,20 €) für ein schönes Pint Worthington’s Creamflow. Zugleich war ich aber enttäuscht, dass in dem riesigen Pub kaum noch was los war. So war der Schlummertrunk schnell geleert und die Nachtruhe hatte sich lediglich um wenige Minuten verschoben.

Dadurch war ich an meinem Geburtstagsmorgen auch ohne Wecker schon vor 8 Uhr wach und konnte zeitig zum Frühstücksbuffet marschieren. Wie immer top bei Premier Inn und um 8 Uhr war da noch halbwegs wenig Nahrungskonkurrenz zugegen. Als um 9 Uhr allerdings wie auf Knopfdruck die Horden erschienen (Hotel war laut Info des Personals ausgebucht), konnte ich mich zufrieden wieder auf’s Zimmer zurückziehen und erste digitale Glückwünsche würdigen.

11:26 Uhr war schließlich Abfahrt in Preston und der £ 7.90 (ca. 9,30 €) teure Zug zum Manchester Airport war erfreulicherweise pünktlich. So war ich 2,5 Stunden vor der annoncierten Abflugzeit am Flughafen und konnte die Gepäckaufgabe und die Sicherheitskontrolle ganz ohne Stress in Angriff nehmen. Im Abflugbereich erwartete mich jedoch eine schlechte Nachricht. Ryanair hatte mir heute zwar die günstigste Rückflugoption angeboten (82 € inklusive Aufgabegepäck und CO₂-Kompensation), aber mit der Pünktlichkeit haperte es diesmal deutlich.

Mein Flug nach Köln sollte nicht planmäßig um 15:25 Uhr, sondern erst 115 Minuten später abheben. Die angepeilte Ankunftszeit verschob sich dadurch von 17:55 Uhr auf 19:50 Uhr und meinen für 26,99 € gebuchten ICE vom Kölner Hauptbahnhof nach Hannover um 20:07 Uhr musste ich mir wohl oder übel abschminken. Obendrein war es nicht wie zum Buchungszeitpunkt der vorletzte, sondern aufgrund kurzfristig anberaumter Bauarbeiten der letzte Zug an diesem Sonntagabend. Was für tolle Geburtsgeschenke von Ryanair und der DB!

Aber auf die Deutsche Bahn sollte irgendwie doch Verlass sein. Als ich kurz vor 20 Uhr in Köln landete, hatte mein ICE zwischen Aachen und Köln schon über 40 Minuten Verspätung angesammelt und war am Ende tatsächlich noch zu bekommen (wenngleich es stressig und sportlich wurde). Letztlich war ich um kurz nach Mitternacht in Hannover und keine Stunde später im heimischen Bett. Ein großartiger Urlaub bekam zum Glück das verdiente Happy End.