- 16.08.2024
- Manchester United FC – Fulham FC 1:0
- Premier League (I)
- Old Trafford (Att: 73.297)
Am heutigen Freitag sollten zwei professionelle Fußballspiele auf englischem Boden stattfinden und ich dachte mir bei meiner Reiseplanung „Gib‘ bloß keine 100 € für Manchester United gegen Fulham aus, fahr‘ einfach zu Coventry City gegen Oxford City. Da werden Ticket und Anreise zusammen wahrscheinlich nur ungefähr die Hälfte kosten.“ Als bei Coventry City schließlich am 1. August der Ticketverkauf für jenen Kick begann, hätte ich gerne eines davon für £ 30 (ca. 35 €) gekauft. Allerdings checkte ich parallel nochmal die Zugverbindungen und war geschockt, dass die günstigste Hin- und Rückfahrt von Sheffield nach Coventry mittlerweile £ 58.60 (ca. 69 €) kosten sollte. Knapp £ 90 Kostenaufwand für ein mäßig attraktives Spiel der Championship wären in meinen Augen noch unangemessener gewesen, als für Manchester United vs. Fulham unwesentlich mehr zu bezahlen.

Denn für den Ausflug nach Manchester kam ich für ein Ticket (£ 51), die leider zwingend abzuschließende Membership* (£ 35) und die entsprechenden Zugtickets (£ 10.60) in Summe auf £ 96.60 (ca. 113 €). Aber gut, nüchtern betrachtet wäre es wohl am klügsten gewesen, wenn ich heute keines der beiden Spiele besucht hätte. Mit dem Geld hätte man was anderes Schönes anstellen können und dieser Trip wäre zur Not auch einen zweiten Tag ohne Fußball ausgekommen. Außerdem hatte ich nach meinem Besuch bei Chelsea im vergangenen Winter bekanntlich beschlossen, dass ich nie wieder 100 € oder mehr für einen Spielbesuch in der Premier League zahlen will. Denn eigentlich ist es das in meinen Augen nicht wert.

Als ich mir die Investition nochmal durch den Kopf gehen ließ, konnte das Engelchen auf meiner linken Schulter somit hervorragende Argumente für einen spielfreien Freitag vorbringen. Das Teufelchen auf der rechten Schulter versuchte auch gar nicht erst irgendwas davon in Zweifel zu ziehen. Stattdessen hat mich dieser Satansbraten nach dem Vortrag des Engelchen einfach nur siegesgewiss angegrinst und dezent mit seinem Dreizack gen Manchester gedeutet. Etwas beschämt nickte ich ihm unterwürfig zu und traute mich nicht nochmal zum Engelchen umzudrehen. Es hieß wieder mal: White Angel 0, Red Devil 1.

Nach dem Frühstück und einer kleinen Morgenrunde an den Docks von Sheffield, ging es also 12:14 Uhr gen Manchester. Nach 80 Minuten Bahnfahrt durch den malerischen Peak District erreichte ich den Bahnhof Piccadilly. Da ich bereits ein paar Mal in Manchester war, musste es nun nicht zwingend zu einem Innenstadtbummel kommen. Stattdessen hatte ich mir überlegt zu Fuß zum gut 5 km entfernten Old Trafford zu spazieren und dabei en passant noch ein paar mir bisher unbekannt gebliebene Ecken und Sehenswürdigkeiten mitzunehmen.

Knapp 96 % der Route sollten dabei am Wasser, genauer gesagt am Rochdale Canal und am Bridgewater Canal entlang führen. Der Übergang dieser Kanäle ist an der Castlefield Junction, wo ich am frühen Nachmittag mal die Überreste von Mamucium in Augenschein nehmen wollte. Jenes römische Kastell wurde im Jahr 79 n. Chr. auf Geheiß des Feldherrn Gnaeus Iulius Agricola errichtet, der seinerzeit Roms Statthalter in Britannien war. Das Kastell mitsamt der angrenzenden zivilen Siedlung wurde zwar, wie ganz Britannien, im frühen 5. Jahrhundert von den Römern aufgegeben. Doch in der Neuzeit stieß man bei Grabungsarbeiten auf die Fundamente der Anlage und Anfang der 1980er Jahre wurde Teile des Kastells rekonstruiert.

Von den Römern ging es anschließend zu den Griechen. Denn unweit der römischen Wurzeln der Stadt fand ich eine einladende griechische Taverne namens Dimitri’s. Ich bekam dort ein Plätzchen im Lichthof und orderte von der um 15:00 Uhr noch gültigen Mittagskarte einen köstlichen Burger namens The Greek (Lammhacksteak, Feta, Zaziki und Tomatensugo), der von fabulösen Fritten, knackigem Krautsalat und einer leckeren Limonade begleitet wurde. Kostete als Lunch Deal zusammen faire £ 15 (ca. 17,60 €).

Danach suchte ich das benachbarte und kostenlos besuchbare Science and Industry Museum auf. Dieses befindet sich nicht nur einen Steinwurf vom Bridgewater Canal entfernt, sondern es wurde 1983 obendrein auf dem Gelände der ehemaligen Liverpool Road Station errichtet. Damit sind zwei große Treiber der im Museum behandelten Technik- und Industriegeschichte Manchesters sogleich für den Besucher greifbar. Denn durch den 1762 eröffneten Bridgewater Canal bekam Manchesters Wirtschaft einen direkten Wasserweg zum Überseehafen Liverpool. Die Liverpool and Manchester Railway (L&MR) verband die beiden wichtigen Metropolen des Nordwestens außerdem ab 1830 auf dem Schienenweg und war zugleich die erste „richtige“ Eisenbahnlinie der Welt (öffentlich und mit festem Fahrplan). Dementsprechend handelt sich bei der Liverpool Road Station um eine der ältesten Bahnhofsanlagen der Welt.

Mithilfe dieser großen Infrastrukturprojekte und dank bahnbrechender Erfindungen, wie den ersten industriellen Web- und Spinnstühlen Spinning Jenny (1764) und Waterframe (1769), stieg Manchester zur ersten Industriestadt der Welt auf. Diese Entwicklung vermittelt das Science and Industry Museum mit seiner breiten Sammlung von Exponaten und zahlreichen multimedialen Stationen anschaulich. Dabei werden aber nicht nur die Innovationen dieser Zeit, sondern auch die zahlreichen Schattenseiten der industriellen Revolution und des Manchesterkapitalismus ausführlich behandelt.

Neben der Textilindustrie und dem Eisenbahn- und Verkehrswesen der Stadt, widmet sich das Museum außerdem vielen Technik- und Wissenschaftsthemen der etwas jüngeren Neuzeit. Ergo geht auf es jenen Ausstellungsflächen um Energieerzeugung, Computertechnik, Luft- und Raumtechnik und natürlich auch um die für Manchesters Gegenwart so prägende Medien- und Unterhaltungsindustrie. Schließlich gibt es hier dutzende Radiosender, Fernsehstudios von Granada Television und der BBC, sowie eine große Anzahl von weltweit erfolgreichen Musikacts.

Mit dem Großteil der Exponate war ich pünktlich zur Schließung des Museums um 17 Uhr durch und nahm am Bridgewater Canal wieder Kurs auf das immer noch knapp 3 km entfernten Spielstätte des Manchester United FC. Trotz sehr gemütlichem Tempo, stand ich dann bereits zwei Stunden vor Spielbeginn vor dem am 19. Februar 1910 eröffneten Stadion und umrundete es erst einmal. Das lud wiederum dazu ein, sich nochmal ein wenig mit der reichen Geschichte des 1878 ursprünglich als Newton Heath LYR** Football Club gegründeten englischen Rekordmeisters (20 Meistertitel) auseinanderzusetzen.

So erinnern eine Gedenktafel und die dauerhaft auf 15:04 Uhr stehende Munich Clock an die größte Tragödie der Clubgeschichte. Denn am 6. Februar 1958 verunglückte um diese Zeit ein Flugzeug mit der damaligen Mannschaft von Manchester United beim Start am Münchner Flughafen. Bei dem Unglück starben sieben Spieler sofort, einer erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen und zwei weitere wurden so schwer verletzt, dass sie ihre Karrieren beenden mussten. Auch Matt Busby (Uniteds Manager von 1945 bis 1969) lag wochenlang auf der Intensivstation einer Münchner Klinik, konnte ein halbes Jahr später jedoch wieder an der Seitenlinie stehen.

Busby, der mit United 1952, 1956 und 1957 Meistertitel gewonnen hatte und dessen junge Erfolgsmannschaft den Beinamen Busby Babes bekommen hatte, sollte nun aus den Überlebenden (u. a. Bobby Charlton), Neuzugängen (u. a. Denis Law) und Nachwuchsspielern (u. a. George Best) schrittweise ein neues Spitzenteam aufbauen. 1963 gewann seine Elf den FA Cup, 1965 und 1967 die Meisterschaft und 1968 schließlich sogar – als erste englische Mannschaft überhaupt – den Europapokal der Landesmeister (heute UEFA Champions League). Danach wurde Busby übrigens von der Königin zum Ritter geschlagen. Klar, dass auch Sir Matt und die größten Spieler seiner Ära mit Stauen und Gedenktafeln im Stadionumfeld gewürdigt werden.

Ebenfalls hat sich Alex Ferguson (Manager von 1986 bis 2013) seine Statue vor’m Stadion redlich verdient. Unter ihm begann in den 1990er Jahren eine neue Zeitrechnung in Manchester. 1991 ging der Club an die Börse und pünktlich zur Einführung der Premier League im Folgejahr hatte Ferguson wieder eine Spitzenmannschaft geformt. Die gewann 1993 den ersten Meistertitel seit 1967 und ließ in den kommenden 20 Jahren noch zwölf weitere folgen. Dabei konnte Fergie eine goldene Generation an Jugendspielern (die Class of ’92) in seine erste Mannschaft einbauen, deren sportliche Erfolge mit einer globalen Vermarktungsstrategie begleitet wurden. Das ließ Manchester United zum zwischenzeitlich reichsten Club der Welt aufsteigen. Sportlich hatten Beckham, Giggs, Scholes, die Neville-Brüder und Co ihren Zenit wahrscheinlich 1999 erreicht, als der MUFC die Meisterschaft, den Pokal und die Champions League auf einen Schlag gewann. Und apropos Schlag, nach diesem Treble erhielt auch auch Ferguson einen Ritterschlag von der Königin.

Nach der Ära Ferguson konnte bisher jedoch kein Nachfolger an die alten Erfolge anknüpfen und u. a. der aus Abu Dhabi finanzierte Stadtrivale Manchester City lief den Red Devils in der Premier League dauerhaft den Rang ab. So wurde mit Erik ten Hag 2022 auch bereits der sechste Manager seit 2013 verpflichtet (plus zwei Interimslösungen). Nachdem der Niederländer seine Debütsaison wenigstens als Dritter abschließen konnte, wurde es diesen Sommer nur ein enttäuschender 8. Platz. Halbwegs versöhnlich endete die Saison nur, weil United den FA Cup gewann (2:1 gegen Manchester City im Endspiel) und damit nun doch nicht auf’s internationale Geschäft verzichten muss.

Da wundert es fast, dass am heutigen Freitagabend ausgerechnet dieser zuletzt mittelmäßige Club die neue Saison der Premier League eröffnen durfte. Erst recht, wenn der Gegner auch kein sportliches Schwergewicht ist. Da wäre mehr Premium erwartbar gewesen. Andererseits hat der MUFC selbst nach einer ziemlich erfolglosen Dekade weiterhin die Aura eines Weltclubs. Wahrscheinlich gehört er immer noch zur globalen Top 5 oder wenigstens Top 10, was Zuspruch und die heute so wichtige Reichweite angeht. So war ich ich heute beileibe nicht der Tourist mit der weitesten Anreise. Die Fans von weiter weg schienen außerdem ordentlich Umsatz im 1.600 m² großen Fanshop gemacht zu haben (ein bis zwei volle Plastiktüten pro Kopf) und im Stadion werden sie gewiss auch auf den etwas teureren Plätzen gesessen haben.

Im relativ günstigen Oberrang des East Stand (wie eingangs geschrieben, £ 51 für’s Match Ticket) war dieses Klientel jedenfalls nicht mehr wirklich wahrnehmbar und meine direkten Sitznachbarn waren allesamt Locals mit Season Tickets. Ich habe nicht gefragt, aber knapp £ 500 dürfen sie bestimmt pro Dauerkarte an den Herzensclub überweisen. Dafür gibt es zwar nur noch selten große Fußballfeste geboten, aber als echter Fan hat man bekanntlich nicht wirklich eine Wahl. Gefangen in der Abo-Falle Fußballfandasein…

Auch heute wurde es eine ganz zähe Angelegenheit für Bill, Christopher und den Typen, dessen Namen ich wieder vergessen habe. Sie klangen vor Anpfiff noch vorsichtig optimistisch und holten sich bei mir die ersehnte Bestätigung, dass Matthijs de Ligt und Joshua Zirkzee echte Verstärkungen sein dürften (hatte ihr Club just für jeweils über 40 Mio € aus München bzw. Bologna losgeeist). Aber die saßen beide zunächst auf der Bank, während die Startelf ihre liebe Müh‘ mit dem Vorjahresdreizehnten aus Westlondon hatte. Am Ende war’s eine 1. Halbzeit auf Augenhöhe, mit wenigen Strafraumszenen auf beiden Seiten.

Nach dem Seitenwechsel sollte es allerdings etwas besser werden. Mainoo, Mount und Bruno Fernandes prüften Fulhams Schlussmann Bernd Leno alle paar Minuten mal, während dessen Vorderleute hin und wieder einen gefährlichen Konter fabrizierten. So hatte allein Andreas Pereira zweimal die Gästeführung auf dem Fuß und animierte die mitgereisten Cottagers dabei endlich mal zu akustischen Lebenszeichen (optische Lebenszeichen waren dagegen für mich schwierig wahrnehmbar, da die Gästefans direkt unter mir platziert waren).

Ja, Stimmung war erwartungsgemäß nicht wirklich in der mit über 73.000 Zuschauern im Prinzip ausverkauften Bude. Wobei zumindest das United-Fanlager zu Spielbeginn zwei, drei Gesänge schmetterte und bei einer entsprechenden Darbietung auf dem Rasen vielleicht sogar – für hiesige Verhältnisse – richtig was auf den Rängen los gewesen wäre. Ich hoffte nun wenigstens noch auf einen Torjubel, was ten Hag mit einem offensiven Doppelwechsel in der 61. Minute nährte. Zirkzee und Garnacho kamen auf’s Feld und setzten alsbald die gewünschten neuen Akzente im Angriffsspiel der Red Devils. Zählbares sollte aber auch in dieser Konstellation vorerst nicht herausspringen.

Es dauerte bis zur 87. Minute, ehe Zirkzee eine platzierte Hereingabe von Garnacho an Leno vorbeischieben konnte und die Mehrzahl der Menschen im Theatre of Dreams mal kurz von besseren Zeiten träumen ließ. Jetzt war Old Trafford für einen kleinen Augenblick ein Tollhaus und vor lauter Lautstärke (;-)) vergab Garnacho in der Nachspielzeit tatsächlich noch eine hundertprozentige Chance. Da mir nach dem Spiel von Freunden entsprechende Clips geschickt wurden, scheint sein Megafail vor dem quasi leeren Tor schön viral gegangen zu sein. Na ja, auf den Spielausgang hatte dieser Slapstick keinen Einfluss und Sekunden später lagen sich alle im MUFC-Dress gekleideten Spieler in den Armen. Nebenbei auch de Ligt, der kurz zuvor für den mit ihm im Doppelpack von München nach Manchester transferierten Noussair Mazraoui eingewechselt wurde.

Das Publikum spendete auch artig Applaus, aber richtig euphorisierend war dieser Saisonstart in seiner Gesamtbetrachtung eher nicht. Hätte man mich nach Abpfiff in völliger Unkenntnis des Ergebnisses vor dem Stadion abgesetzt und mich gebeten anhand meiner Beobachtungen der abziehenden Fanmassen den Spielausgang zu raten, hätte ich ziemlich sicher auf ein Unentschieden getippt. Wahrscheinlich ein torloses Unentschieden.
Begleitet von dieser Neither fish nor fowl-Stimmung der Mitinsassen, ging es nun per Bahn zurück ins Stadtzentrum. Übrigens wie in London einfaches tap-in, tap-out mit Kreditkarte, die für diese Einzelfahrt mit £ 2.80 (ca. 3,35 €) belastet wurde. Die 5 km zum Bahnhof Piccadilly waren in rund 20 Minuten gemeistert und mein Zug nach Sheffield fuhr pünktlich um 23:25 Uhr ab. Weil es diesmal ein Schnellzug ohne Zwischenhalt war, dauerte es keine Stunde bis zum Zielort und 0:30 Uhr lag ich schließlich zufrieden***, aber ebenso etwas gerädert – insgesamt auch an diesem Urlaubstag 26.545 Schritte – im Hotelbett.
*Die mit großer Nachfrage gesegneten Clubs in England arbeiten mit Memberships, deren Abschluss überhaupt erst den Zugang zum Ticketverkauf ermöglicht. Für einmalige Kunden natürlich eine ärgerliche Investition. Aber immerhin enden die Memberships automatisch zum Saisonende und sind kein Abo-Modell.
**LYR steht für Lancashire and Yorkshire Railway. Der später reichste Fußballclub der Welt begann also als Eisenbahnersportverein.
***Dass das Stadionerlebnis jetzt 100 € wert war, würde ich in der Rückschau natürlich nicht sagen. Aber im Gesamtpaket war es ein schöner Tagesausflug und Old Trafford musste einfach mal gemacht werden. Jetzt ist es runter von der ominösen Liste, in der es ziemlich weit oben stand.